Von Ulrich Schmidt

Die Seismographen schlugen aus wie bei einem Erdbeben. „Schnell raus hier!“ rief der Busfahrer seinem Kollegen zu. „Dann sind wir um unser Leben gelaufen. Kaum waren wir am Ufer, da brach die ganze Brücke zusammen.“

Vom Ufer aus beobachtete ein Beamter der Strompolizei: „Ich hörte eine donnerartige Explosion, lief hinaus und sah, wie sich die Brücke in ihrer ganzen Länge plötzlich hob und dann mit einem Schlag in die Donau stürzte.“

So ging die Wiener Reichsbrücke zugrunde. Mit einer Rekordbelastung bis zu 18 000 Passanten pro Stunde war sie Österreichs meistbefahrene Brücke. Wenn sich das Unglück während des Berufsverkehrs ereignet hätte, wäre es zu einer Katastrophe mit Hunderten von Toten geworden. Aber es geschah kurz vor fünf Uhr morgens am vorvergangenen Sonntag, und bei Ende der Bergungsarbeiten werden kaum mehr als vier Tote zu beklagen sein.

Dennoch gab es Aufruhr im sonst so gelassenen Wien. Bürgermeister Leopold Gratz sprach von einem „unwahrscheinlichen Ereignis“. Die ersten Nachforschungen ergaben, daß man es mit den Sicherheitskontrollen nicht so genau genommen hatte. Einmal im Monat ist ein Werkmeister über die Brücke gegangen und hat mit einem Fernglas nach Schäden in der Hängekonstruktion Ausschau gehalten. „Schlamperei!“ schimpfte die Presse am nächsten Tag.

Der Einsturzknall hatte den Verdacht einer Sabotageaktion aufkommen lassen. Deshalb wurden die drei übrigen Donaubrücken der Stadt von Polizei besetzt, und Taucher suchten die Brückenpfeiler nach Sprengladungen ab. Ein Krisenstab wurde gebildet, um weiteres Unglück zu verhüten und um vor allem die Festigkeit der anderen Brücken zu überprüfen. Eine von ihnen, die Floridsdorfer Brücke, gilt seit einiger Zeit als abbruchreif.

Eine Kommission soll schnellstens erkunden, was in anderen Ländern für die Brückensicherheit getan wird, und danach sollen bundeseinheitliche Vorschriften zur Überwachung der Brücken ausgearbeitet werden. Denn so etwas gibt es in Österreich bisher noch nicht.