Von Benjamin Henrichs

Seinem vorletzten und bisher besten Buch gab er den Titel: „Berni – Ein realistischer Kinderroman.“ Eine Fahrlässigkeit, mit der er sich selber um den Erfolg brachte. Denn natürlich müßte ein Kinderbuchautor wissen, was die Käufer von Kinderbüchern erwarten: Realismus am allerwenigsten. Realismus, dabei denkt man gleich an Bedrückungen, Ängste, Ärgernisse – an das Gegenteil also von „Unterhaltung“. Die Käufer von Kinderbüchern: das sind fast nie die Kinder selber, fast immer die Eltern. Nicht die fast unbekannten Lesebedürfnisse der Kinder bestimmen den Markt und den Erfolg eines Autors, sondern die Wünsche und Vorurteile von Erwachsenen. Und deren hartnäckigstes Vorurteil heißt: Spaß muß sein – wenn schon nicht im Leben, so wenigstens beim Lesen. Wer da allen Ernstes einen „realistischen Kinderroman“ ankündigt, kennt die Spielregeln nicht, muß ein Spielverderber sein.

Helmut Walberts Buch „Berni“, erschienen bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart, wurde rund fünfzehnhundertmal verkauft, der Rest der Auflage mußte eingestampft werden. So was nennt die Branche einen Mißerfolg.

Wie Gewalt funktioniert

Eine schwierige Karriere: Helmut Walbert (1937 in Aachen geboren, einige Jahre Arbeit als Volksschullehrer, seit acht Jahren „freier“ Schriftsteller) hat es immerhin geschafft, ins Gespräch zu kommen. Er hat es nicht geschafft, ins Geschäft zu kommen. Er gewann einen Jugendstück-Wettbewerb – das preisgekrönte Stück wurde nicht aufgeführt. Er bekam für seine Theatertexte ziemlich enthusiastische Rezensionen – die Stücke wurden kaum oder gar nicht nachgespielt. In diesem Jahr verlieh ihm die Stadt München einen Förderungspreis, 3000 Mark – eine nette Geste, eine Geste des schlechten Gewissens. Denn natürlich weiß jeder, daß man einen Theaterautor nur fördern kann, indem man ihn spielt.

In der Aufbruchzeit des Kindertheaters, Ende der sechziger Jahre, war Walbert das, was man gern gönnerhaft eine „Hoffnung“ nennt. Gleich sein erstes Stück „Oder auf etwas schießen bis es kaputt ist“, vom Münchner Theater der Jugend uraufgeführt, war ein Erfolg, machte den Autor bekannt.

„Oder auf etwas schießen bis es kaputt ist“, ist ein Lehrspiel über Gewalt. Das Provokante dabei ist, daß es die für ein Jugendstück naheliegenden, die moralisierenden und psychologisierenden Fragen (woher kommt Gewalt? was kann man gegen sie tun?) nicht stellt. Das Stück, viel anspruchsloser, viel komplizierter, zeigt nur: wie Gewalt funktioniert. Eine Gruppe von Kindern, acht- bis zwölfjährigen, imitiert spielerisch die Rituale, die Macht- und Selbstbehauptungskämpfe innerhalb einer kriminellen „Bande“. Da gibt es eine genau abgestufte, aber natürlich ständig umkämpfte Hierarchie vom Mächtigsten bis zum Schwächsten; gibt es Revolten, Diadochenkämpfe, immer neue Zweckbündnisse, immer neue Feindschaften. (Wobei die Kinder natürlich nicht nur das kriminelle Sonderverhalten, sondern auch das bürgerlich-karrieristische Normalverhalten nachmachen.) Es gibt viel Gewalt in diesem Stück (rhetorische, aber auch physische), Demütigungen, Fesselungen, Folterungen – Vorgänge, die Walbert ganz sachlich und kommentarlos beschreibt, ohne erkennbare Zeichen von Abscheu. Und es bleibt auch beunruhigend offen, was diese gewalttätigen Kinderspiele sind: noch Spiel oder schon reale Gewalt.