Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im August

Sechs Wochen vor dem Wahltag, ist der Aufmarsch für die heiße Phase der Stimmenschlacht so gut wie abgeschlossen. Die Generalstabspläne sind fertig, das Fußvolk ist in seine Ausgangsstellungen eingerückt. Noch zwingt die erst allmählich zu Ende gehende Ferienzeit zum Stillhalten. Aber mit der trügerischen Ruhe wird es von einem Tag auf den anderen vorbei sein.

Schon an diesem Freitag will Willy Brandt vor dem Wiesbadener Bundeskongreß der Arbeitsgemeinschaft der Selbständigen in der SPD zur Attacke blasen. Helmut Schmidts Pensum beginnt eine Woche später. Am kommenden Mittwoch werden beide nach einer Sitzung des Parteivorstands vor der Bonner Presse acht Thesen präsentieren, in denen das sozialdemokratische Wahlprogramm zusammengefaßt ist. Helmut Kohl kehrt am Wochenende aus seinem Urlaub am Wolfgangsee zurück. Ebenso will die Spitzengarnitur der Freien Demokraten in den nächsten Tagen in die Wahlkampfarena steigen.

Am Samstag, dem 4. September, findet in Hamburg dann die erste große Kundgebung der SPD mit Schmidt und Brandt statt, der vier weitere mit demselben Zweigespann in anderen Städten folgen werden. Am selben Tag veranstalten die Freien Demokraten einen „liberalen Familientag“ mit Reden ihrer Ministerquadriga Genscher, Friderichs, Maihofer und Ertl in Essen, zu dem sie mehrere tausend Anhänger und Neugierige mit Kind und Kegel erwarten. Insgesamt werden die vier Freidemokraten elfmal gemeinsam auftreten. Die Union schließlich holt gleich zu einem Doppelschlag aus: Am 4, September sprechen Strauß und Kohl in München, am Tage darauf Kohl und Strauß in Dortmund. Das erste Septemberwochenende wird der eigentliche Wahlkampfauftakt sein.

Von da an gibt es kein Halten mehr. Die Jagd nach den Stimmen ist auf – zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Das ist beinahe wörtlich zu nehmen. Brandt und Schmidt werden sich einen Sonderzug teilen, mit dem der Parteivorsitzende in der ersten, der Regierungschef in der zweiten Hälfte der Woche auf Reisen geht. Auch Kohl wird viermal eine besondere Wagengarnitur der Bundesbahn benutzen. Sonst stehen Hubschrauber und Flugzeuge hoch im Kurs, der Rest wird per Auto bewältigt.

Um Gewalttouren handelt es sich in der Tat. Wie immer haben die Sozialdemokraten die wahrscheinliche Bilanz schon im voraus berechnet. Danach werden der Kanzler und der Parteichef bis zum 3. Oktober rund 46 000 Kilometer zurücklegen – 18 000 auf der Schiene, 16 000 in der Luft und 12000 auf der Straße, auf dem Wege zum Rendezvous mit mutmaßlich 1,5 Millionen Wählern bei 60 Großkundgebungen und zehn sogenannten Zielgruppenveranstaltungen (Schmidt) respektive 85 Massentreffen und 20 bis 30 Zusammenkünften mit bestimmten Adressaten (Brandt). Kaum anders verhält es sich mit der übrigen sozialdemokratischen Prominenz. Insgesamt sollen rund 3000 Wahlveranstaltungen absolviert werden, wobei für jeden Wahlkreis der Auftritt von wenigstens vier führenden SPD-Politikern geplant ist.