Kommen nur die Banken bei dem zusammengebrochenen Verbrauchermarkt zu ihrem Geld?

Schön Anfang dieser Woche gab sich der Treuhänder resigniert. „Wir fahren auf einem Fahrrad einem Jet hinterher“, klagte Rechtsanwalt Joachim Kilger über das Konkursrecht aus dem vergangenen Jahrhundert, mit dem er die größte Pleite im deutschen Einzelhandel seit dem Kriege in den Griff bekommen soll: den Zusammenbruch der Hamburger Verbrauchermarkt-Kette SB „mehr wert“ (siehe ZEIT Nr. 34).

„Ein ordentliches Verfahren, wie sich das unsere Großväter vorgestellt haben“ (Kilger), scheitere schon am „Mengenproblem“. Rund fünfzigtausend Seiten Inventurliste, pro Blatt mit 28 Positionen – das ist das vorläufige Ergebnis der körperlichen Bestandsaufnahme in den achtzehn Häusern des ehemals drittgrößten Verbrauchermarkt-Unternehmens in der Bundesrepublik.

Klaren Durchblick hat Kilger damit noch nicht, aber fest steht immerhin: Nachdem in der „mehr wert“-Bilanz für 1975 – uneingeschränkt testiert von dem erstmals angeheuerten Wirtschaftsprüfer All-Be-Treu GmbH – noch Waren für gut 200 Millionen Mark ausgewiesen sind und die Zwischenzahlen Ende April dieses Jahres zur Überraschung der Banken nur mehr 81,5 Millionen Mark ergaben, rechnet der Treuhänder jetzt mit einem Wert der Vorräte von „zwischen 40 und 60 Millionen Mark“. Dabei sind hohe Anteile von schwer verwertbaren Textilien und Möbeln mitgezählt.

Wieweit die mehr dem Wert als der Menge nach in wenigen Monaten zusammengeschrumpften Vorräte mit Eigentumsvorbehalten der insgesamt 4000 Lieferanten belastet sind, hat Treuhänder Kilger noch gar nicht ausrechnen können. Kilger: „Das dauert noch Monate.“

Aber nicht deshalb plädiert der Treuhänder für einen Pool, in dem mindestens alle Lieferanten, besser jedoch auch die Banken, ihre besicherten Forderungen einbringen. „Anders geht es überhaupt nicht“, ist seine Meinung. „Wir können einfach nicht körperlich aussondern, weil es zuviel Ware gibt.“ Das nach der Konkursordnung vorgeschriebene Verfahren würde ein „gigantisches Ausmaß“ annehmen und für Transport und Einlagerung mehr kosten als die Ware wert ist. Doch viele der Großgläubiger sind anderer Meinung. Sie scheuen nicht vor dem zurück, was Kilger androht, wenn kein Pool zustandekommt: „Selbstbedienung qua Faustrecht“, kurz: „Das Chaos“.

Viele der Gläubiger – gerade jene, die Ware nur unter Eigentumsvorbehalt geliefert haben – sähen „ihre Lage viel zu rosig“, warnt der Treuhänder. Von den zwanzig bis dreißig Einstweiligen Verfügungen auf Herausgabe der Ware beispielsweise, die er in den letzten Tagen von „besonders schlauen Lieferanten“ ins Haus bekam, beträfen einige nicht „mehr wert“, sondern die ebenfalls zusammengebrochene Einkaufsgesellschaft „Der neue Ring“.