Von Rolf Michaelis

Alle Pornographen sind Puritaner.“ Die das behauptet, ist eine vierunddreißigjährige Amerikanerin aus reicher jüdischer Familie, hat eine wissenschaftliche Arbeit über den „Sexual-Slang in der englischen Poesie um die Mitte des 18. Jahrhunderts“ Verfaßt, zwei als „pornographisch“ geltende Gedicht-Bände veröffentlicht, ist in zweiter Ehe mit einem Psychoanalytiker chinesischer Abstammung verheiratet, mit dem sie von 1966 bis 1969 in Heidelberg lebte, heißt Wing (Isadora) und ist Haupt- (Maul-, Brust- und Leib-)Heldin im ersten Roman einer vierunddreißigjährigen Amerikanerin aus reicher jüdischer Familie, die eine Magisterarbeit über die Literatur des 18. Jahrhunderts verfaßt, zwei als „pornographisch“ geltende Gedicht-Bände („Fruits and Vegetables“, „Half-Lives“) veröffentlicht hat, in zweiter Ehe mit einem Psychoanalytiker chinesischer Abstammung verheiratet war, mit dem sie von 1966 bis 1969 in Heidelberg lebte, und Jong (Erica) heißt. Fast vierhundert Seiten braucht die Verfasserin, um die These: Pornographie durch Puritanismus weniger zu belegen als (nicht nur kurzweilig) zu illustrieren. Es geschieht in dem ziemlich vollständigen Adreßbuch der „famous four-letter-words von –

Erica Jong: „Angst vorm Fliegen“, Roman, aus dem Amerikanischen von Kai Molvig; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1976; 390 S., 29,80 DM.

Je hitziger die Erzählerin Jong ihre Ich-Erzählerin Wing die Lippen zu Minne-Dienst oder Vokabel-Erguß spitzen läßt („Mein Höschen war feucht genug, um die Straßen von Wien damit aufzuwischen; Sein Kuß ist zweifellos der nasseste Kuß in der Geschichte der Menschheit. Seine Zunge ist überall, wie das Weltmeer... Sein Penis ... ist der hochaufragende rote Schornstein eines Ozeandampfers“), desto kühler wird der Leser. In diesem Buch wird gekeucht, aber nie aus Leidenschaft, nur aus Kalkül. Mit hechelnder Zunge wird hier nicht dem Glück nachgejagt, sondern dem Erfolg.

Da quasselt eine ganz normale, also auch: ganz normal verklemmte junge Frau dauernd von ihrer „Möse“, ihrem „Loch“, das sie so oft und so gut wie möglich „zugestöpselt“ haben will, was ja ein ehrlicher Wunsch sein kann, aber man merkt: Das Ganze ist ein Ablenkungs-Manöver. In Wahrheit schreibt die schwülen Sätze ein kühler Kopf, die nicht nach „Schwanz“ und „Eiern“ fingernde, sondern nach poetischem Lorbeer grapschende Hand einer ehrgeizigen Adeptin aus dem Literatur-Kurs eines amerikanischen College: „Ich wollte immer die Erste sein. Ich mußte das gewagteste Buch schreiben.“

Wenn hier etwas vibriert, ist es nicht eine „Liebesmaschine“ à la Jacqueline Susann („Fickmaschine“ nennt das Erica Jong in ihrer weniger verlogenen Mechaniker-Direktheit), sondern eine Schreibmaschine: „Meine rote elektrische Schreibmaschine ... das war meine große Liebe! ... Sein Penis blieb schlaff Er wußte, daß ich bereits dabei war, ihn in mein Tagebuch einzutragen, zur späteren Verwendung.“

Die große Liebe, der Sinnenrausch, „la folie à deux“ – all das wird nur behauptet, nie in Sprache, Stil oder Erzählhaltung beschworen. Mal rüde, mal frech, mal schnodderig, mal schwärmerisch wird eine konventionelle Dreiecks-Geschichte abgespult, streng nach dem Kompositions-Gesetz ständigen (deshalb nie schockierenden oder auch nur überraschenden) Kontrastes. Denn natürlich verliebt sich auf einem Psychoanalytiker-Kongreß in Wien die mit dem schönsten und elegantesten Psychoklempner verheiratete Isadora in den schmuddelig zigeunernden, schwadronierenden Anhänger von Laings Anti-Psychiatrie und brennt mit ihm durch.