Das größte Pharma-Unternehmen der Welt scheut das Licht der Öffentlichkeit

Von Alexander Mayer

Ja ist denn das menschenmöglich“, entsetzte sich Blick, helvetisches Pendant zur Bild-Zeitung. Nachdem er zunächst fast einen Monat zur Giftkatastrophe in Seveso bei der zum Hoffmann-La-Roche-Konzern gehörenden ICMESA geschwiegen hatte, bequemte sich der Präsident des Verwaltungsrates, Adolf W. Jann, dem Blatt ein Interview zu geben. Er schockierte die Blick-Redakteure wegen seines kaltschnäuzigen, technokratischen Tons, der jede Anteilnahme am Unglück der Betroffenen vermissen ließ. Jann, der früher nie einen Hehl daraus gemacht hatte, daß er von Öffentlichkeitsarbeit nicht allzuviel hält, hatte bei seiner späten Flucht nach vorn die falsche Richtung eingeschlagen.

Die vom Alleingang ihres Chefs überraschte Konzernpressestelle versuchte zu retten, was zu retten war, und trommelte eiligst eine Pressekonferenz am Basler Konzernsitz zusammen. Doch der Versuch, das ramponierte Bild des Pharma-Konzerns wieder zu schönen, gelang nur sehr mangelhaft.

„Es wurde von verschiedenen Seiten gesagt, daß das Mutterhaus von Hoffmann-La Roche in Basel sich hinter Givaudan verstecken will oder daß wir uns irgendwie aus der Sache heraushalten wollen“, begrüßte Jann die Pressevertreter. „Ich möchte feststellen, daß wir diese Idee nicht hatten. Der Aufbau des Konzerns ist so, daß ICMESA Givaudan gehört und Givaudan wieder vollständig zum Konzern. Hoffmann-La Roche hat noch nie eine Tochter im Stich gelassen. Wir werden dies auch in Zukunft nicht tun.“

Sehr überzeugend klang dies nicht, denn noch wenige Tage zuvor hatte die Pressestelle des Konzerns ihre Zuständigkeit kategorisch abstreiten müssen. Journalisten, die um Auskünfte zum Giftskandal baten, wurden an Givaudan in Genf verwiesen. Selbst die als außerordentlich wirtschaftsfreundlich bekannte Neue Zürcher Zeitung warf dem Konzern vor, er habe versucht, den Unglücksfall bei der italienischen Enkelfirma „anzusiedeln“, die Tochter Givaudan als Blitzableiter in der Schußlinie zu belassen und für das Konzernhauptquartier Funkstille anzuordnen, um das Rothe-Image soweit wie möglich zu schonen. Vielleicht – so sinnierte die Neue Zürcher später – sollte dadurch aber nur die Handlungsfreiheit der Roche-Töchter herausgestellt werden.

Doch wer ist denn Givaudan überhaupt? Von der Roche-Tochter gibt es keinen Geschäftsbericht, Umsätze sind ebensowenig bekannt wie die Gewinnsituation. „Wie soll man wissen, ob Givaudan überhaupt in der Lage sein wird, für die Kosten der Katastrophe in Seveso auch aufkommen zu können“, ketzerte die schweizerische Handelszeitung.