Das ist eigenartig: wie Jimmy Carter auf intellektuelle Linksliberale wirkt, ob von der amerikanischen Ostküste oder aus europäischen Ländern. Nach allem, was sie über ihn hören oder von ihm lesen, sind sie skeptisch, voll belustigten Mißtrauens. Wenn sie sich ihm gegenüber finden, ist die Skepsis wie weggeblasen. Der Mann fasziniert. Danach kehrt dann ein. bißchen Skepsis wieder zurück, aber sie hat es schwer, sich gegen Erinnerungen durchzusetzen.

Es ist für unsereinen doch nicht leicht, jemanden ganz ernst zu nehmen, der Politik verkündet wie sein Bruder im baptistischen Glauben, Billy Graham, das Evangelium. Es fällt schwer, jemanden ganz ernst zu nehmen, der in einem knapp, 52jährigen Leben Kernphysiker, Marineoffizier, Erdnußpflanzer, Lokalpolitiker, Prediger, Missionar, Sonntagsschullehrer, Gouverneur gewesen ist und nun nach dem machtvollsten Amt der westlichen Welt strebt. Hatte er den Mund nicht ein bißchen voll genommen?

Es war nicht vorgesehen, es ergab sich so, daß ich während einer Amerikareise auf Jimmy Carter stieß, auf ihn gestoßen wurde, als er gerade dabei war, die entscheidende Nominierungswahl in Pennsylvania zu gewinnen. Und die Wahrnehmungen des eigenen Auges, des eigenen Ohrs widersprechen allen Vorurteilen.

Muhammad Ali nennt sich nicht nur „der Größte“, er tritt auch auf als der Größte. Falls Jimmy Carter mit „dem Besten“ sich selber gemeint haben sollte, wer wollte daran zweifeln, so nahm er doch nicht die Pose des moralisch oder wie auch sonst immer Überlegenen ein. Er wirkte nicht bescheiden, nein, das wäre falsch gesagt; er wirkte vielmehr: vertrauenswürdig.

In einem blauen Anzug, mit auffällig eleganten Schuhen tritt er vor sein Publikum, weder groß noch klein, weder jung noch alt, mit einem Lächeln; das so sehr an John F. Kennedy erinnert. Manches an diesem Mann weckt Erinnerungen an den zumindest in Europa beliebtesten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Wenn man das erlebt; vergißt man den oft formulierten Verdacht, das sei kalkulierte Wahlkampfstrategie.

Er stellt sich vor, Jimmy Carter aus Georgia, Kernphysiker, Erdnußpflanzer, Marineoffizier... Das kennt man, das hat man gelesen, das ist Routine und wirkt als solche – und dennoch: Da erscheint ein höflicher Mann, der nicht so tut, als müsse inzwischen jeder wissen, daß er der Größte sei oder sogar der Beste – und wenn Hunderte im Raum sitzen, jeder einzelne hat den Eindruck: der stellt sich mir jetzt vor.

Er spricht leise, ohne auch nur einen Anflug von demagogischer Überanstrengung der Stimme. Er spricht nicht zögernd, manchmal sogar ziemlich schnell, aber mit Pausen. Man fragt sich nicht, ob er diese Pausen kunstvoll einlegt, da er ja doch inzwischen auf Hunderten von Veranstaltungen gelernt haben müßte, was zu sagen ist; man glaubt: der Mann denkt nach.