Von Rino Sanders

Schlösse man das Tor von Gibraltar, so würde das Mittelmeer vollends ein Binnensee. Seine 3,7 3,7 Millionen Kubikkilometer Salzwasser verdunsteten, und in gut tausend Jahren läge das riesige Becken trocken bis auf den zerklüfteten Grund. Der jährliche Verdampfungsverlust beträgt nämlich 3310 Kubikkilometer. Die Zufuhr durch Flüsse und Niederschläge fällt demgegenüber kaum ins Gewicht. Auch unter den bestehenden Verhältnissen ist die hydrologische Bilanz des Mittelmeers negativ. Sein Spiegel sinkt, der Salzgehalt steigt. Das Wasser wird für etliche Fischarten unwirtlich.

Kann der Mensch, der späte Wicht, diese hydrologische Bilanz überhaupt beeinflussen? Er tut es schon – ungut. Er könnte auch korrigierend eingreifen, und vielleicht müßte er es, damit nicht auf die Dauer...

Doch wir sind im Bereich halber Hypothesen. Die Geologen bieten ein datengestütztes Modell der Entwicklungsgeschichte dieses komplizierten Meeres an; wenn dies Modell auch entlegenen Zeiten gilt, so hilft es doch dem Verständnis heutiger Gefährdungen. Man weiß seit Jahrzehnten, daß gegen Ende des Miozän, vor gut sechs Millionen Jahren, im Mittelmeer eine „Versalzungskrise“ begann. Bis dahin Teil des Weltozeans und viel ausgedehnter als heute, wurde es, wahrscheinlich durch Schollenverschiebungen, von dessen Wassern abgeschnitten und begann, „rasch“ auszutrocknen. Es bildeten sich Becken mit salziger Lauge. Salze setzten sich ab. Zuerst fällte die Sonne die Karbonate aus, bei 68 Prozent Verdampfung die Kalziumsulfate und bei 90 Prozent, als nur mehr Löcher mit Lake übrigblieben, die Haloide.

Während nun an den Randzonen des verdunsteten Mittelmeers meterdünne Salzlager entstanden, wuchsen sie nach der Mitte hin zu vielen hundert Metern Dicke an. Darüber weiß man seit den Fahrten des Forschungsschiffes „Glomar Challenger“ im Rahmen eines sogenannten Deep Sea Drilling Projects von 1970 an besser Bescheid.

Zuweilen katastrophal

Eine einfache Rechnung schließt aus, daß die Verdampfung eines einzigen, ob auch viel größeren Mittelmeerinhalts Salzschichten von solcher Mächtigkeit hinterlassen könnte. Es muß sehr viel komplexer hergegangen sein und zuweilen ziemlich katastrophal. Um diese Vorgänge zu fassen, haben die Professoren Kenneth J. Hsü vom Geologischen Institut der Technischen Hochschule Zürich, Maria Bianca Cita vom Paleontologischen Institut der Universität Mailand und William B. F. Ryan vom Lamont-Doherty Geological Observatory der Columbia-Universität ein scharfsinniges Modell entwickelt, daß zwar von manchen ihrer Kollegen angezweifelt wird, aber die Bohrproben von immer mehr Deep-Sea-Drilling-Löchern für sich hat. Ein Modell nun, das a posteriori von neuen Fakten bestätigt wird, gewinnt an Wahrscheinlichkeit. Es soll hier nicht in seinen Feinheiten beschrieben werden.