Von Karl-Heinz Janßen

Sanft, zierlich, bescheiden – so betrat der vietnamesische Ministerpräsident Pham Van Dong die Festhalle der Blockfreien-Konferenz in Colombo. Seine Rede zählte zu den mildesten, die vor diesem weltrevolutionären, antiimperialistischen Forum gehalten wurden. Der Repräsentant jener kommunistischen Macht, die in zwei Kriegen die Kolonialmacht Frankreich und die Weltmacht Amerika aus dem Feld geschlagen hat und zum Schrecken ihrer Nachbarn über die viert- oder fünftstärkste Armee der Welt gebietet, gab sich verblüffend friedfertig: Der Wolf hatte Kreide geschluckt.

Überraschend hatten die Strategen in Hanoi vor wenigen Wochen eine diplomatische Offensive des Lächelns eröffnet. Vize-Außenminister Phan Hien reiste, im Stile Henry Kissingers, von Hauptstadt zu Hauptstadt in der südostasiatischen Nachbarschaft, beteuerte den guten Willen seiner Regierung, knüpfte diplomatische Beziehungen an und öffnete den Handelsagenten seines Landes die letzten noch verschlossenen Türen. Inzwischen ist das kommunistische, wiedervereinigte Vietnam von allen Staaten zwischen Burma und den Philippinen anerkannt.

Noch im Frühjahr hatten die Agitatoren in Hanoi die Fanfaren der Revolution geblasen. Die Asean (Association of South East Asian Nations), eine lose Interessengemeinschaft der nichtkommunistischen Anrainer Philippinen, Indonesien, Thailand, Singapur und Malaysia, wurde als amerikahöriges Teufelswerk verdammt, und die Parteizeitung Nhan Dan schrieb, die revolutionäre Situation sei für die Völker Südostasiens noch nie so günstig gewesen wie heute. Besonders in Thailand, dem von Unruhen geplagten unmittelbaren Nachbarn Indochinas, fragten sich die Militärs besorgt, was die vietnamesischen Kommunisten wohl mit der Million amerikanischer Maschinenpistolen anfangen würden, die ihnen in Südvietnam in die Hände gefallen waren.

Wie es sich für eine selbstbewußte Mittelmacht gehört – ihre Propagandisten sprechen bereits ein wenig voreilig vom „50-Millionen-Volk“ der Vietnamesen –, stellte die Regierung in Hanoi ihren Nachbarn Bedingungen für eine friedliche Koexistenz: Freundliche Beziehungen zu Vietnam seien nur denkbar, Wenn zuvor die amerikanischen Stützpunkte in Thailand und auf den Philippinen verschwänden – eine nicht ganz abwegige Forderung, weil ja viele Jahre hindurch von dort aus gegen die Vietcong Krieg geführt worden war. Doch unmittelbar nach der formellen Wiedervereinigung Anfang Juli ließen die Vietnamesen ihre Vorbehalte fallen. Sie waren es nun zufrieden, daß sowohl die Filipinos als auch die Thais feierlich versicherten, „keiner fremden Macht das eigene Territorium als Sprungbrett für direkte oder indirekte Aggressionen und Interventionen gegen andere Länder in diesem Gebiet zu überlassen“. Zwar hütete sich Hanoi weiterhin, sich mit der Asean einzulassen – es war nur an zweiseitigen Abschlüssen interessiert –, doch Phan Hien versprach, man wolle einen Beitritt erwägen.

Phan Hien ließ sich nicht erst zweimal bitter, allen, die es hören wollten, Nichteinmischung zu geloben: Vietnam wolle keine Revolution exportieren, sondern lediglich „Kohle, Holz und anderes zum Nutzen aller“. Nun werden sich die alterprobten uniformierten Kommunisten-Jäger in Thailand, Indonesien, Malaysia und auch in Burma, das der Asean-Gruppe nicht angehört, durch solche Beteuerungen ihre Wachsamkeit nicht abkaufen lassen. Zu offensichtlich kopiert Hanoi das außenpolitische Modell der Chinesen, die zwischen Beziehungen der Staaten, der Völker und der kommunistischen Parteien unterscheiden – alle können gleichermaßen herzlich sein aber natürlich werden Kommunisten revolutionären „Volksbewegungen“ nie ihre Unterstützung versagen. Es berührte auch eigentümlich, daß Verteidigungsminister General Giap parallel zur Entspannungsoffensive im Süden des Landes die allgemeine Wehrpflicht einführte und den Aufbau einer modern gerüsteten, schlagkräftigen Armee ankündigte.

Dennoch haben alle von Hanoi angesprochenen Regierungen – als letzte, wenngleich unter etlichen Mühen, die thailändische – positiv auf das vietnamesische Versöhnungsangebot reagiert. Wer könnte schon Entspannungsofferten einer so tüchtigen, ehrgeizigen und formidablen Nation ungestraft ausschlagen? Überdies lassen sich gute Gründe dafür anführen, daß durch eine Normalisierung der Beziehungen und eine Ausweitung des Handels der kleine Koloß viel von seiner Unheimlichkeit verliert.