Der US-Präsident auf dem Prüfstand seiner Partei: verdienstvolles Mittelmaß im Weißen Haus

Von Dieter Buhl

Selbst kurz vor der Stunde der Entscheidung konnte Gerald Ford seine Schwäche nicht verbergen. Andere Präsidenten vor ihm hatten sich ihrem Parteivolk erst nach ihrer Nominierung huldvoll präsentiert. Lyndon Johnson führte 1964 den demokratischen Parteitag vom Weißen Haus aus wie ein Marionettentheater; er erschien erst nach der feierlichen Ausrufung Vor der Kulisse. Acht Jahre später schwebte Richard Nixon wie ein Monarch von Gottes Gnaden in Miami Beach ein, um die Kandidatur von seinen republikanischen Parteifreunden gnädigst in Empfang zu nehmen. Gerry Ford hingegen kam als Bittsteller nach Kansas City, fast demütig, verletzbar, ganz ohne die Aura des mächtigsten Mannes der westlichen Welt.

Anfang dieser Woche noch stand in den Sternen, ob die Republikaner Ford auf den Schild höben. Er galt zwar als Favorit, aber auch nach zwei Jahren im Weißen Haus mußte er noch befürchten, daß ihn die Grand Old Party abservierte. Lag sein Dilemma daran, daß das höchste Amt nach Watergate an Einfluß und Ausstrahlung verloren hat? Oder waren seine Schwierigkeiten selbstverschuldet – weil er den Präsidenten-Bonus kläglich verspielt hat?

Alle Höhen und Tiefen

Die Bilanz der bisherigen Amtszeit Gerald Fords gibt darauf verwirrende Antworten. Sie offenbaren die Schwächen eines Mannes, aber sie spiegeln auch die tiefe Unsicherheit Amerikas wider. Es war gewiß nicht nur Fords Schuld allein, daß sein Ansehen in der Öffentlichkeit schwankte wie die Fieberkurve eines Schwerkranken. Bei den Sondierungen der Meinungsforscher trat vielmehr auch zutage, was nach den Niederträchtigkeiten Nixons überall in dem weiten Land zu spüren ist: die Zwiespältigkeit der Amerikaner gegenüber ihren Führern.

Obwohl er erst seit 24 Monaten amtiert, hat Ford bereits alle Höhen und Tiefen eines Präsidentendaseins auskosten müssen. Er war der Saubermann der Nation, als er das Weiße Haus vom haut goût Nixons befreite, und wurde kurz danach zum Prügelknaben, weil er seinem Vorgänger den Generalpardon erteilte. Seine Landsleute kritisierten ihn erst als Cunctator, weil er der Energie- und Wirtschaftskrise scheinbar nichts entgegensetzte, dann feierten sie ihn als Haudegen, weil er in einem Handstreich die Besatzung der „Mayaguez“ aus kambodschanischer Gefangenschaft befreite. Beim Auf und Ab blieb – unterschwellig oder unverhohlen – nur ein Urteil über Ford beständig: daß er ein liebenswerter Tolpatsch sei.