Auch die DDR hat ihre Tauben und Falken. Zur Zeit sind sich die beiden Fraktionen spinnefeind, wie der ruppige Ton dieser Memoranden beweist:

Tauben: Genossen, Ihr habt wieder mal Mist gebaut. Die paar Busse mit Provokateuren hätten ja wohl nicht gerade den Bestand unserer Republik gefährdet. Jetzt können die Burschen in Bonn uns einen Verstoß gegen das Transit-Abkommen vorwerfen. Genosse Honecker will doch jede Eskalation vermeiden!

Falken: Aber die Busse wollte er auch nicht durchlassen. Wie wir den Genossen Honecker verstehen, ist er jedenfalls gegen jede Anbiederung bei denen. Drüben steht der Klassenfeind und wetzt seine Messer, mit denen er uns an die Gurgel will – und Ihr macht Euch Sorgen wegen der Einhaltung des Transit-Abkommens. Euer opportunistisches Kapitulantentum ist widerlich und gefährlich. Was hat uns die ganze Entspannungspolitik bisher gebracht? Nichts! Aber sie hat unsere Bürger irritiert und damit bedenkliche Tendenzen gefördert. Vielleicht solltet Ihr mal wieder unsere Klassiker lesen: Marx und Lenin.

Tauben: Die lesen wir – aber auch die Daten unserer Wirtschaft, und die sind sehr unerfreulich. Mit Kraftmeiertum und einer Politik der harten Konfrontation ist unserer Republik gegenwärtig nicht gedient. Die brauchen uns – aber wir sie leider auch! Außerdem liegt diese Politik auch nicht im Sinne unseres großen Brudervolkes und widerspricht dem Entspannungskurs des Genossen Breschnjew!

Falken: Das ist Eure alte Tour, Euch auf den Kreml zu berufen, wenn Ihr nicht mehr weiter wißt. Wir sind durch unsere Genossen in Moskau ganz anders informiert. Auch dort gibt es einflußreiche Kräfte, denen dieser ganze Pragmatismus zum Halse heraushängt und die darum für unsere Wünsche nach schärferer Abgrenzung viel Verständnis aufbringen.

Tauben: Habt Ihr denn eine Alternative zur bisherigen Entspannungspolitik? Nein, die habt Ihr nicht. Oder wollt Ihr etwa zum Kalten Krieg zurückkehren? Das würde uns aber im sozialistischen Lager ganz schön isolieren! Und dann: Was haben wir eigentlich davon, wenn wir durch Eure harte Politik der Bonner Koalition die Wahlchancen vermasseln? Wollt Ihr wirklich in Bonn ein Strauß-Dregger-Regime haben, mit Kohl als Aushängeschild? Wenn Ihr das wirklich wollt, müßt Ihr das sagen!

Falken: Warum eigentlich nicht? Euer Hauptfehler besteht darin, daß Ihr nicht dialektisch denken könnt. Mit dem Feindbild einer CDU/CSU Regierung ist unsere Inlands-Propaganda doch viele Jahre gut gefahren. Kompliziert wurde es für uns doch erst, als in Bonn die Arbeiterverräter, mit den Liberalen im Schlepptau, ans Ruder kamen, die sich so schwer als Buhmänner verkaufen lassen. Erst das hat unsere Bürger verunsichert und Zweifel an unserer Politik aufkommen lassen. Nichts nützt dem Klassenfeind mehr, als ideologische Unscharfe! Glaubt Ihr im Ernst, daß wir es mit den Konservativen an der Macht schwerer hätten als mit den Sozis? Das Gegenteil wäre der Fall – wie die historische Erfahrung uns immer wieder bewiesen hat.

Tauben: Wenn Ihr schon von Beweisen redet – beweist doch erst mal, daß wir auch nur den geringsten Vorteil davon haben, wenn unsere Aufbausch-Abteilung den Fall unserer verletzten Fernseh-Journalistin in Frankfurt hochjubelt. Ein Armbruch ist doch noch kein Beinbruch. Im übrigen: Hals- und Beinbruch, Genossen!