Von Rudolf Walter Leönhardt

Der Verlag teilt mit: Von diesem Buch wurden in seinem Ursprungsland Italien 600 000 Exemplare verkauft. Eine solche Auflagenhöhe ist dort seit Lampedusas „Leopard“ nie wieder erreicht worden.

Dabei handelt es sich hier nicht um einen leichten Unterhaltungsroman, nicht um ein farbenprächtiges Sittengemälde, sondern um ein anspruchsvolles Erzählwerk von erheblichem Umfang. Sex und Sensationen werden, wo überhaupt, nie genüßlich ausgemalt, sondern – wie zum Beispiel in zwei Vergewaltigungsszenen – eher kühl und kurz abgetan. Wer nach Beweisen dafür sucht, daß auch sehr gute Bücher Bestseller werden können (der Verlag wirbt mit dem Satz: „Der schönste Roman dieses Jahrhunderts“, den Natalia Ginzburg über das Buch ihrer Kollegin schrieb), mag diesen Roman nennen –

Elsa Morante: „La Storia“, Roman, aus dem Italienischen von Hannelise Hinderberger; R. Piper & Co. Verlag, München, 1976; 632 S., 36,– DM.

„La Storia“ erzählt die Geschichte einer Gruppe von Menschen, die im Räderwerk der Geschichte zerquetscht werden. Schauplatz ist Rom während des Zweiten Weltkrieges und unmittelbar danach. Hauptpersonen sind eine Frau, zwei Kinder, ein Hund und ein Mann. „La Storia erzählt“ ... denn: der Erzähler, der durchaus immer einmal wieder von sich selber redet, bleibt auf eine sonderbare und bezeichnende Weise ungenau. Und seine Erzählung verliert sich, nach Art der russischen Epik des 19. Jahrhunderts, in eine Fülle von Einzelheiten, Abschweifungen, Anekdoten, Träumen.

Das Buch ist noch weniger nacherzählbar als andere. Während des Zweiten Weltkrieges wird eine Italienerin in Rom von einem deutschen Soldaten vergewaltigt. Sie heißt Ida Ramundo. Sie ist Witwe, Lehrerin, Halbjüdin und Epileptikerin. Und alles, was ihr und den Ihren geschieht und was den Hauptstrang des Romans dreht, ist angelegt in dem, was Ida Ramundo ist. Alles hat Folgen. Dagegen tritt nun freilich, was mit dem Bestimmtsein der Ida Ramundo überhaupt nichts zu tun hat, was von außen in ihr Leben einbricht: Faschismus und Krieg und Partisanenkämpfe und Judenverfolgung.

Neben der halbjüdischen Lehrerin Ida Ramundo leben und leiden: ihr legitimer Sohn Antonio, der ihr von einem Deutschen mit Gewalt aufgezwungene Sohn Giuseppe und ein Freund ihrer Söhne, Anarchist David Segre.