Von Jiři Hochman

Als die Türken Wien belagerten, haben die Tschechen zu Hause Gurken eingelegt, Schnaps gebrannt und die Heilige Inquisition betrogen. Sie dachten sich: Wien ist weit weg, zu uns in den Westen kommen die Türken nicht. Im Jahre 1683 war die Erdkunde eine einfache Sache.

Im Jahre 1910 wanderte mein Vater zu Fuß aus Prag nach Paris, weil auch mein Großvater einmal dorthin gewandert war, dreißig Jahre früher und auch zu Fuß. Sein Reisepaß, ein Stück hellblaues Leinenpapier, ist ein sehr reizvolles Dokument – Ausreisegenehmigungen gab es damals, selbstverständlich, noch keine.

Nach Moskau wanderte weder mein Großvater noch mein Vater. Sie hatten irgendwie kein Verlangen danach. Von Prag aus ist es dorthin sehr weit, und unterwegs gibt es lauter Einöde, Kälte und orthodoxen Glauben. Meine Ahnen, mögen sie ruhen in Frieden, mochten Cancan lieber als Ikonen. Die Synagoge besuchten sie nur selten, dafür tranken sie Bier mit Katholiken, die über den Pfarrer lästerten. Mein Großvater versuchte sie zu besänftigen: „Denken Sie ja nicht, meine Herren, daß die Rabbiner kein Auge auf die Mädchen werfen.“ Mein Vater heiratete eine Katholikin, die deshalb zum evangelischen Glauben übertrat, vielleicht, damit sie nicht über die unbefleckte Empfängnis streiten mußten. Die Kinder ließen sie konfessionslos. Es waren ruhige Zeiten in Böhmen.

Was den Sozialismus betrifft, so gefiel den Tschechen dieser Einfall ursprünglich gut. Sie witterten dahinter nicht gleich irgendeine Gaunerei. Vielleicht dachten sie sich auch, daß er ihnen so leicht durchgehen könnte wie etwa den Schweden. Und dann – sie rechneten damit, daß sich die Hunnen nicht wiederholen. So dachten sie – o heilige Einfalt! – noch im Jahre 1968. Heute wird es freilich niemandem einfallen, so zu denken. Die russischen Aufklärungsmethoden haben den Vorteil, daß sie die Menschen von altmodischem Rechtsbewußtsein befreien. Biedermeier paßt nicht in den Leninismus.

Für die Tschechen ist das ein Jammer, weil die Disziplin ihnen nicht liegt. Sie sind im Gegenteil verhältnismäßig leichtsinnig, verantwortungslos, genußsüchtig und geil. Sie denken den größten Teil der internationalen Witze aus, von denen der geringste Teil anständig ist. Wir haben es selber verschuldet, schon im Jahre 1348, als unser gnädiger König Karl in Prag eine Universität gegründet hat. In der Sowjetunion spielten damals die führende Rolle die Mongolen. Wir haben vorzeitig lesen und schreiben gelernt und uns alles gegönnt: die Gotik und die Reformation, den Barock und die Renaissance, die Sezession und die Demokratie.

Die Welt interessiert sich für untergehende Kulturen. Wenigstens das ist ermunternd: Wir kommen in die Enzyklopädien, wie die Tasmanier.