Kansas City, im August

Die Beifallsstürme hielten sich die Waage, als am Eröffnungstage des republikanischen Parteikonvents auf der einen Seite des Ovals Nancy Reagan und Familienanhang Beobachterposten bezogen und zur gleichen Zeit auf der anderen Seite der Arena die Ford-Familie Einzug hielt. Nancy erschien in tiefem Rot, Betty in lichtem Blau. Die Versammlung war plötzlich zu einem Spiegelbild des Kräfteverhältnisses geworden. Hier die Anhänger des amtierenden Präsidenten, des Establishments von Regierung und Partei, da die Aktivisten einer Bewegung, die Ronald Reagan inspiriert hat, mit der er dem trägen Apparat Unruhe, Diskussion und Schärfung des politischen Bewußtseins aufgezwungen hat. Beide Lager des Konvents waren gleich stark, doch das Temperament der Reagan-Leute war großer. Der kräftemessende Beifall dauerte lange, doch die Spontaneität war damit noch lange nicht verraucht. Sie wartete nur auf einen neuen Funken.

Der Konvent von Kansas City vibrierte in der Spannung zwischen Ford und Reagan, bis hin zum Grotesken. Da eilten Kolumnisten und Kommentatoren zu einer Pressekonferenz, weil der für die Zählung der fest auf Ford eingeschworenen Delegierten zuständige Mann mitteilte, dem Präsident seien wieder fünf bisher ungebundene Delegierte zugeströmt. Der Präsident sei längst über die magische Zahl von 1130 Delegiertenstimmen hinaus, die für die Nominierung im ersten Wahlgang erforderlich sind. Nein, behaupteten wenig später die unabhängig zählenden Agenturen, noch fehlten Ford neun oder fünf oder drei Abgeordnete. Derweil verbrachte der Präsident der USA den ersten Tag des Konvents, auf dem er eigentlich noch nichts zu suchen hat, mit Seelenmassage der umworbenen noch nicht festgelegten Delegierten. Mrs. Healey aus Mississippi gab vor dem Fernsehen an, sie sei enttäuscht und betroffen darüber, mit welchem Druck Fords Leute gearbeitet hätten.

Auch das Zwischenspiel eines dritten Kandidaten hatte die Szene sehr, belebt. Der konservative Senator James Buckley aus dem Staate New York schien mehrere Tage nicht abgeneigt, sich von Republikanern nominieren zu lassen, die mit der Entscheidung Reagans unzufrieden waren, dem wohl liberalsten aller republikanischen Senatoren, Richard Schweiker aus Pennsylvania, zum Vizepräsidentschaftskandidaten zu bestellen. In Kansas City merkte Buckley freilich schnell, wie wenig Resonanz er fand und daß er im Begriff war, sich mit der Verärgerung der New Yorker Delegation den zur Wahl anstehenden Sitz im Senat zu verscherzen. Buckley erklärte also vor den Kameras, er kandidiere nicht.

Darauf wurde Vizepräsident Rockefeller befragt, wem der Buckley-Verzicht nutze. Rockefeller erklärte die Buckley-Affäre offen für einen Komplott des stockkonservativen Senators Jesse Helms mit dem Ziel, Reagan seinen Vizepräsidentenvorschlag noch aus dem Kopf zu schlagen. Helms wurde von einem anderen Fernsehreporter just in dem Augenblick gegriffen, als er einer Luncheon-Einladung Ronald Reagans folgte. Würde Schweiker auch dabei sein? Nein! Ein dritter Reporter stellte daraufhin Schweiker mit der direkten Frage, ob er nicht Sorge habe, von Reagan dem Ansturm der Konservativen geopfert zu werden. Fertig war das Bild von der Kabale hinter den Kulissen. Das bis zum allerletzten Augenblick anhaltende Tauziehen zwischen dem Ford- und Reagan-Lager, ein Tauziehen um Verfahrensfragen zur künftigen Bestellung des Vizepräsidenten oder um Grundsatzfragen für die Wahlplattform, zeigte die Spaltung der republikanischen Partei. Gemeinsam war den Delegierten des liberalen und konservativen Flügel? nur die Furcht vor dem Big Government. Alle stimmten sie darin überein, was Ford einmal so formulierte (Reagan hätte es kaum anders sagen können): „Eine Regierung, die stark genug ist, jedem das zu geben, was er will, ist auch stark genug, jedem das zu nehmen, was er hat.“

Aus der Ablehnung einer immer mächtiger werdenden Bundesregierung haben alle Sprecher des Konvents die Sicherung der persönlichen Freiheit, wie die der unternehmerischen Freiheit abgeleitet. Aus dieser klassischen amerikanischen Grundeinstellung entwickelte Senator Howard Baker in seiner Eröffnungsrede auch das Wahlkampf-Konzept gegen Jimmy Carter, gegen den demokratisch beherrschten Kongreß und die von beiden in guter demokratischer Tradition beabsichtigten sozialstaatlichen Reformprogramme.

Die lautstarke Siegeszuversicht erinnerte freilich etwas an das Kind im dunklen Walde, das ein Lied anstimmt, um sich die Furcht zu vertreiben. Doch die farbenfrohe Versammlung insgesamt gestattete sich keine Spur von Kleinmut. Viele Damen waren im langen Kleid erschienen, viele Herren hatten sich in die geschlossene Weste gezwängt, gedeckte Krawatten waren bevorzugt. Der Konvent konnte die Richtung nicht verleugnen. Ein Hauch von gediegenem Bürgertum hatte sich über die Versammlung gelegt.

Ulrich Schiller