Auf der fünften Gipfelkonferenz der sogenannten Blockfreien in Colombo stand abermals die Neuordnung der Weltwirtschaft zur Diskussion. Die Entwicklungsländer sind jetzt aber offensichtlich bereit, eine weniger kompromißlose Taktik einzuschlagen als früher.

Auch die Konferenzatmosphäre wirkte entkrampft. In den Debatten im Plenum war ein deutlicher Zug zur Sachlichkeit zu erkennen. Gewiß, immer wieder wurde den „Imperialisten, Kolonialisten und Neokolonialisten“ noch eins übergebraten, aber niemand hörte mehr recht hin. Aufmerksamkeit fanden hingegen Redner, die vom Klischee abwichen, die Neues, Konstruktives anzubieten hatten.

Tito wie Sadat und auch die neue Präsidentin der Blockfreien-Bewegung und des Gipfels, Gastgeberin Frau Sirimavo Bandaranaike, zogen, noch etwas verschämt, aber eben doch auch die Russen in ihre Kritik am Imperialismus ein. „Zone des Friedens“ im Indischen Ozean, das betraf nicht nur den Abbau der Basen, sondern auch der schwimmenden Basen, der Flotten. Und das ging die Sowjets an. So der Blockfreien-Patriarch Tito. Selbst Indira Gandhi fand, wenn auch nicht freundliche, so doch ungewohnt maßvolle Worte gegenüber dem Westen.

Schwerer taten sich jedoch die Araber. Kaum hatten sich ihre Außenminister darauf geeinigt, auf dem Gipfel ihre Chefs mit einer Stimme sprechen und die innerarabischen Querelen draußen vor der Tür zu lassen, da war alles schon wieder zu Dunst zerstoben. Den Vogel schoß der Algerier Boumedienne ab. In seinem Rechenschaftsbericht als scheidender Blockfreien-Präsident, warf er Würde und Maß seines Amtes von sich, und attackierte vehement die Marokkaner wegen der spanischen Exkolonie Sahara.

Syriens Präsident Assad, von dem jeder eine Replik auf die Kritik des Ägypters Sadat am syrischen Eingreifen im Libanon erwartet hatte, hingegen kniff. Behende überging er das heiße Thema, nachdem er soeben noch die Solidarität Syriens mit den Palästinensern beteuert hatte.

Sind die jungen Nationen der Blockfreien in ihrer Mehrheit dabei, dem Pubertätsalter zu entwachsen? Der Gipfel in Colombo könnte solches anzeigen. Zum erstenmal wurde der Blick weg vom blauen Himmel auf die Erde gerichtet, auf die konkreten Fragen der Beseitigung von Armut, Hunger und Unwissenheit. Ein Aktionsprogramm zur Zusammenarbeit soll eine „neue Wirtschaftsordnung in der Welt“ verwirklichen helfen. Die Devise gab Sirimavo Bandaranaike: Kooperation statt Konfrontation mit den Industrieländern.

Bei allen Konflikten und Auseinandersetzungen war auf dem Colombo-Gipfel der Wille, zu Ergebnissen zu kommen, mit denen sich arbeiten läßt, nicht zu übersehen. Die Einsicht dämmert, daß auch die Blockfreien die Teller nicht länger an die Wand werfen können, von denen sie noch essen wollen.

Joachim Rassat (Colombo)