Von Karl Koch

Der neunjährige Werner war kein schlechter Schüler. Nach dem Tode seines Vaters und der Wiederheirat seiner Mutter mit einem ihm nicht wohlgesonnenen Witwer nahmen seine Leistungen in der Schule allerdings rapide ab. Nach zweimaligem Sitzenbleiben und weiterem Leistungsrückgang entschloß man sich, ihn zur Sonderschule zu schicken. Werner machte sich nicht viel daraus; er blieb bis zur Entlassung in der Sonderschule. Seiner Mutter gelang es, ihn trotz der Unzureichenden Schulbildung bei einem Verwandten ihres ersten Mannes, der eine eigene Elektrowerkstatt führte, in die Lehre zu geben. Dieser Verwandte nahm Werner in seinen kinderlosen Haushalt auf und kümmerte sich auch nach Feierabend um ihn.

Werner lebte auf. In der Berufsschule gab er sich Mühe und wurde bald von den Lehrern als interessierter Schüler geschätzt. Zeigten sich Schwierigkeiten auf Grund seiner unzureichenden Vorbildung, versuchte sein Lehrherr, sie durch zusätzlichen Unterricht wettzumachen. Schließlich absolvierte Werner die Gesellenprüfung mit Auszeichnung. Alle waren stolz auf ihn, doch ihm wurde zum erstenmal bewußt, daß ihm für den beruflichen Aufstieg einige Voraussetzungen fehlten.

Werner beschloß, über die Berufsaufbauschule die Fachschulreife nachzuholen, um so an einer Ingenieurschule studieren zu können. Ein Volkshochschullehrgang zur Erlangung des Hauptschulabschlusses kam ihm dabei zu Hilfe. In einem halben Jahr holte er an zwei Abenden in der Woche den Hauptschulabschluß nach. Anderthalb Jahre dauerte der Besuch der Berufsaufbauschule, die er mit Zustimmung und finanzieller Unterstützung seines ehemaligen Lehrherrn ganztägig besuchte.

Werner nahm alle Hürden im ersten Anlauf, und nach sechs Semestern an der Ingenieurschule erhielt er die Graduierung mit der Berechtigung, sein Studium an einer Universität fortsetzen zu können. Er ist heute Diplom-Ingenieur in der Entwicklungsabteilung eines großen Konzerns.

Der geschilderte Bildungsgang zeigt, welche Möglichkeiten unser Bildungswesen im günstigsten Fall bieten kann, obwohl Werner durchaus als Sonderfall betrachtet werden muß. Immerhin: Wer nicht das Glück hatte, den traditionellen Weg über das Gymnasium zur Hochschule einschlagen zu können, hat einige Chancen, diesen Weg über kleine Umwege doch noch zu finden. Dabei kann er entscheiden, ob seine Weiterbildung berufsbegleitend oder aber ganztägig erfolgen soll. Im zweiten Fall leistet das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAFöG) unter Berücksichtigung der persönlichen Einkommensverhältnisse Hilfestellung.

Weiterhin muß entschieden werden, über welche Stationen der Weg führen soll. Zwar ist es möglich, beispielsweise über den Fernunterricht einen direkten Weg zum Studium einzuschlagen; in der Regel wird aber ein Beruf als Ausgangsbasis genutzt.