Ehrlich gesagt: Der Duft, der aus dem weit geöffneten Küchenfenster drang, überzeugte uns mehr als die Speisekarte am Eingang des kleinen Restaurants an der Straße von Avignon nach Orange, unweit des Ortes, der dem weltberühmten Chateauneuf-du-Pape seinen Namen gab.

Glaubte man der Speisekarte, so sollte es hier ein vollständiges Menü für 16 Franc geben. Als Hauptgericht „Coq au vin“. Bisher hatten sich alle Versuche, in Frankreich preiswert zu essen als primitive oder recht teure Unternehmungen herausgestellt. Doch wir waren hungrig und die Sonne brannte unbarmherzig vom blauen Himmel. So saßen wir bald an einem der rotkarierten Tische. Um uns herum genossen Lastwagenfahrer ihre Mittagspause. Die PS-starke Ansammlung auf dem Parkplatz hatte das schon angedeutet.

Als wir nach einer schmackhaften Suppe, Hähnchen in Weinsauce und in viel Knoblauch gedünsteten Bohnen zum Schluß auch noch eine große Käseplatte mit den schönsten Sorten der Gegend serviert bekamen, waren wir uns einig: Wir mußten uns beim Preis getäuscht haben. Doch wir ließen uns nichts anmerken, tranken einen zweiten Liter Wein und zum Schluß noch einen Kaffee. Als der Patron uns dann die Rechnung brachte, waren wir zum zweitenmal an diesem Tag überrascht: Keine 50 Franc wollte er von uns haben. Des Rätsels Lösung: Wir hatten in einem „Routier“ gegessen. Zu Deutsch: In einem Restaurant für Fernfahrer. Für Eingeweihte schon von weitem zu erkennen an einem runden rot-blauen Schild mit der Aufschrift „Les Routiers“.

Seit 1934 gibt es dieses Zeichen, das ursprünglich nur Lastwagenfahrern zeigte, daß man hier gut und preiswert essen kann. Restaurants und Hotels, die dieses Zeichen erwerben wollen, müssen einen genau festgelegten Standard bei der Bedienung der Gäste, bei Preis und Qualität des Essens erfüllen. So sind Routiers verpflichtet, ein vollständiges Menü unter 20 Franc anzubieten.

Werden über ein Restaurant Klagen laut, so wird das Lokal aus dem jährlich erscheinenden „Guide des Relais Routiers“ gestrichen. Dieses Verzeichnis enthält 4000 Adressen. Nicht nur für Frankreich. Inzwischen gibt es Routiers nämlich auch in Deutschland, England, Irland, Belgien, Italien und der Schweiz. Doch Frankreich als Ursprungsland stellt den Löwenanteil der preiswerten Lokale.

Das Erfolgsrezept der Routiers: gutbürgerliche Küche zu vernünftigen Preisen. Der verwöhnte Gast wird gewarnt: Man darf in dieser Preislage keinen Drei-Sterne-Service erwarten, also auch nicht entsetzt sein, wenn zwischen den einzelnen Gängen die Teller nicht ausgetauscht werden. Auch seinen Tisch darf man in der Regel nicht selbst aussuchen – erst werden die leeren Plätze besetzt.

Routiers, die bemüht sind, ihre Gäste durch eine besonders gepflegte Küche zu verwöhnen, stehen in einer Spezialliste. Aus anderen Restaurantführern kennt man den Stern als Qualitätssymbol. Hier verspricht eine Kasserolle erhöhte Gaumenfreuden.