Ich habe viele Leute gekannt, deren Leben ein Erfolg war. Ich muß sagen: Diese Leute sind eine große Enttäuschung für mich gewesen. Im Gegenteil, die Leute, die ihr Leben verfehlt haben – die sind viel interessanter. Ich würde es sogar schärfer ausdrücken: wenn jemand mit seinem Leben zufrieden ist, dann ist er metaphysisch uninteressant. Die Menschen, die wirklich interessant sind, sind diejenigen, die sich nicht objektiv verwirklicht haben.

Der rumänisch-französische Philosoph M. Cioran im „Merkur“, Nr. 338

Proteste für Bukowskij

Unter dem Eindruck immer neuer Meldungen von der unmittelbaren Lebensgefahr für den inhaftierten Schriftsteller und Bürgerrechtler Wladimir Bukowskij hat nach Protesten der Gesellschaft für Menschenrechte, von amnesty international und des französischen PEN auch das PEN-Zentrum der Bundesrepublik Deutschland in einem Brief an den Generalsekretär des sowjetischen Schriftstellerverbandes, Georgij Markow, um baldige Freilassung Bukowskijs gebeten. Der 1942 als Sohn eines konservativen Schriftstellers geborene Autor und Regime-Kritiker verbüßt seit 1972 eine zwölfjährige Haftstrafe. Nachdem der mehrfach wegen friedlicher Demonstrationen für gefangene russische Schriftsteller bestrafte Autor 1970 eine Dokumentation über die psychiatrischen Sonderkliniken für sowjetische Dissidenten begonnen hatte, wurde er 1971 verhaftet und neun Monate später verurteilt: zu zwei Jahren Gefängnis, fünf Jahren strengem Arbeitslager und fünf Jahren Verbannung. Wegen wiederholten Hungerstreiks und Protest-Demonstrationen aus Solidarität mit anderen Gefangenen, die in Einzelzellen sitzen oder auf Hunger-Ration gesetzt wurden, kam Bukowskij in das berüchtigte Wladimir-Gefängnis 180 Kilometer nordöstlich von Moskau. Während langwährender Karzer-Strafen in ungeheizten Zellen und während der Bestrafung durch „strenge Diät“, bei der die tägliche Nahrungsration dem Wert von 19 Kopeken (= fünfzig Pfennig) entspricht, haben sich Bukowskijs Leiden (Zwölffingerdarmgeschwür, Herz- und Leberkrankheit) so sehr verschlimmert, daß seine Mutter befürchtet, er werde sterben, wenn er bald nicht wenigstens in das Gefängniskrankenhaus verlegt werde.

Neu: Reihe Q – Quellentexte

Zur Buchmesse bringt der Scriptor Verlag in Kronberg eine neue Buch-Serie heraus: „Reihe Q – Quellentexte zur Literatur- und Kulturgeschichte.“ Die von dem Siegener Germanisten Helmut Kreuzer herausgegebene Bibliothek, die neben Erstdrucken vor allem Nachlaßtexte und Nachdrucke längst vergriffener oder vergessener Werke bringen soll, wird eröffnet mit Edlef Köppens Weltkriegsroman „Heeresbericht“ (1928). Der Roman, den noch Ernst Toller begrüßte mit den Worten: „Köppens Buch müßte Hunderttausende Leser finden“, schildert den Entwicklungsprozeß eines begeisterten Kriegsfreiwilligen bis zur Erkenntnis, daß Krieg „befohlener Mord“ ist. Weitere Bände, die im Herbst erscheinen: Erik Rogers 1931 erschienener und mit dem „Kleist-Preis“ ausgezeichneter Industrie-Roman „Union der festen Hand“ und „Frühe Hörspiele“ eines der bekanntesten Funk-Theoretiker und Regisseure der Weimarer Republik, des von den Nazis zur Emigration gezwungenen Arno Schirokauer.

Kolosse im Grundwasser