Die Welt in der Tasche

Globetrotter schreiben ihre Reisebücher selbst von Barbara von Jhering

Von Barbara von Jhering

Angenommen, Sie wollten im nächsten Urlaub nach – sagen wir – Ladakh fahren. Mit Sicherheit würden Sie sich in nicht unerhebliche Schwierigkeiten bringen. Denn selbst wenn im Reisebüro jemand wissen sollte, daß es sich dabei um eine Provinz im Norden Indiens handelt, würde man Ihnen kaum Auskunft darüber geben können, wie Sie dorthin kommen, geschweige denn, wo und wie Sie wohnen werden: Selbst auf indischen Straßenkarten ist Ladakh noch ein, weißer Fleck.

In solch einem Fall ist es gut zu wissen, daß es neben Reisebüros und Fremdenverkehrsämtern noch eine andere Informationsquelle gibt: Bücher, die von und für Weltenbummler geschrieben sind. Es sind Kompendien, denen es weniger darauf ankommt, das Baujahr einer Kirche oder die Abmessungen einer Stadtmauer anzugeben, dafür aber die billigste Übernachtungsmöglichkeit in Alma-Ata. Wo der Normalurlauber nach der Entfernung seines Hotels zum Strand fragt, wollen Globetrotter wissen, welches der kürzeste Seeweg von Lateinamerika nach Australien ist; statt über die Nebenkosten eines vorgebuchten Urlaubs informieren sie sich über Einreisebestimmungen und Adressen, die ihnen in der prekärsten Lage weiterhelfen können.

Anzeige

Lange Zeit wurden Informationen dieser Art unter Globetrottern wie Geheimtips gehandelt. In der kleinen Schar der unkonventionell Reisenden, der Weltumrunder, Einhandsegler und Endlosfahrer machten sie als Mund-zu-Mund-Propaganda die Runde. Jemanden zu treffen, der wußte, wo’s in Afghanistan langgeht, war ein seltenes Ereignis.

Vor einigen Jahren fingen dann die Pfiffigsten unter ihnen an, ihr Wissen zu vermarkten und einem größeren Kreis von Interessierten zugänglich zu machen. Mit „Asia for the Hitchhiker“ begann die Reihe der in Billigproduktion (und oft im Selbstverlag) herausgegebenen Handbücher: kartonierte, mehr oder minder umfangreiche Hefte mit eigenhändig gezeichneten Karten und an den Rand gekritzelten Zusatzbemerkungen oder nachträglichen „letzten Meldungen“.

Inzwischen gibt es schon eine veritable Globetrotter-Bibliothek, sogar eine eigene Reihe wurde gestartet. Unter dem Signum „Globetrotter schreiben für Globetrotter“ stellte sie sich auf der letzten Buchmesse einem Outsider-Publikum vor. In kleinen Broschüren, die weniger Reisebeschreibung als Tipsammlung darstellen, eher Reise-Arithmetik als Feuilleton sind, versuchen sie, die große Reisewelt auf einen gemeinsamen technischen Nenner zu bringen. Die Fremdheit exotischer Länder wird in Straßenzustandsbeschreibungen, Benzinpreisen und Visabestimmungen dingfest gemacht.

Auch die ausgefallenste Route in die entlegensten Winkel wird planbar, voraussehbar. Schon die Titel signalisieren das Selbstbewußtsein, mit dem hier die Welt in die Tasche gesteckt wird: „100 000 km Orient“, „Von Alaska bis Feuerland“, „Weltführer für Reisen mit dem Rucksack“. Doch das alles sind eigentlich keine Reiseführer, in schöner Selbstbescheidung nennen sie sich „Handbücher“, nicht mehr und nicht weniger. Wer sich über Touristisches informieren will, soll im Baedeker nachschlagen, wer etwas über das soziale und politische Umfeld wissen möchte, soll dies in Zeitungen nachlesen. Nicht, den Leser bei der Hand zu nehmen, ist das erklärte Ziel, sondern: ihn auszurüsten mit den notwendigsten Informationen, damit er allein laufen kann.

Service