Der Anfang: „Sie war dreißig Jahre alt und lebte in einer terrassenförmig angelegten Bungalowsiedlung am südlichen Abhang eines Mittelgebirges, gerade über dem Dunst einer großen Stadt. Sie hatte braune Haare und graue Augen, die, auch wenn sie niemanden anschaute, manchmal aufstrahlten, ohne daß ihr Gesicht sich sonst veränderte. An einem Winterspätnachmittag saß sie in dem gelben Licht, das von außen kam, am Fenster des ausgedehnten Wohnraums an einer elektrischen Nähmaschine, daneben ihr achtjähriger Sohn, der einen Schulaufsatz schrieb. Die eine Längsseite des Raums war eine einzige Glasfront vor einer grasbewachsenen Terrasse mit einem weggeworfenen Christbaum und der fensterlosen Mauer des Nachbarhauses. Das Kind saß an einem braungebeizten Tisch über das Schulheft gebeugt und schrieb mit kratzender Füllfeder, wobei seine Zunge zwischen den Lippen hervorleckte.“

Der Anfang einer Geschichte ist fast immer erschreckend. Und weil man erschrickt, geht man sofort in Abwehrhaltung. Jede Eigenart eines Satzes, eines Wortes kommt einem übertrieben, gekünstelt vor. Wer will, kann schon auf den ersten Seiten dieses Buches –

Peter Handke: „Die linkshändige Frau“, Erzählung; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1976; 133 S., 14,80 DM

so erschrecken, daß er es gar nicht mehr lesen kann – sondern nur noch Indizien sucht, um sich das erste, abweisende Gefühl zu bestätigen. Wer auf Handke eine Wut hat (und es gibt bemerkenswert viele, die geradezu eine Vernichtungswut auf ihn haben), der hat hier schnell seine Munition beisammen. Nicht wahr, so schlicht und gravitätisch und geziert schreibt man doch heute nicht mehr? Es sei denn, man ist ein „Prophet des Subjektivismus“, ein„Innerlichkeitsapostel“, ein „Rilke-Epigone“, und wie die billig zu habenden Etikette alle heißen.

Dieses Buch wird viele Feinde haben, denn es ist ein angreifbares, ein unzulängliches Buch (jedenfalls keines, das zulangt). Dieser Schulaufsatz-Ton am Anfang, diese auffällige Unauffälligkeit, diese provozierend konventionelle Wortwahl („braune Haare und graue Augen“, „kratzende Füllfeder“): unoriginell ist das, fast eigenschaftslos. Ein paar Seiten später versucht der Mann der Frau, ein großes Gefühl zu beschreiben: „Heute abend kommt es mir vor, als ob sich alles erfüllte, was ich mir je gewünscht habe. Als ob ich mich von einem Glücksort zum anderen zaubern könnte; ohne Zwischenstrecke. Ich fühle jetzt eine Zauberkraft, Marianne. Und ich brauche dich. Und ich bin glücklich. Es sirrt alles in mir nur so vor Glück.“

Wer Handke liest, um Beweisstücke gegen ihn zu finden: hier hat er sie. Wer aber das Buch ein zweites Mal anfängt, wird es anders lesen. Daß der Mann in einer solchen Situation fast genau die für eine solche Situation vorgesehenen Sätze und Floskeln sagt, ist vielleicht ein richtigerer Ausdruck für sein Gefühl, als wenn er sich die Mühe machte, nach originelleren, gewählteren Vokabeln zu suchen. In großen, Gemütsbewegungen ist man schutzlos; äußert sich eher trivial als ausgewogen. Genauere Wörter wären ein ungenaueres Abbild der Situation. Die unzulänglichen Wörter in Handkes Geschichte handeln auch von der Unzulänglichkeit der Wörter. Es ist einem bei all diesen simplen Sätzen („Im Lift, der zur Tiefgarage hinunterführte, schaute er sie an, während sie ihn betrachtete“) viel weniger geheuer, als es einem bei glanzvoller formulierten wäre.

Handke macht keinen Versuch, sich seiner Hauptfigur schreibend, formulierend, interpretierend (was alles hieße: gewalttätig) zu bemächtigen. Man hört Sätze, schaut Vorgängen zu (am Anfang ganz undramatischen) – aber die eben nicht definierten, die nur unzulänglich erzählten Figuren werden einem nicht mit Wörtern vertraut gemacht – sie bleiben wie „verwunschen“. Das neue Handke-Buch ist, gerade nach den fast exhibitionistischen Öffnungen und Offenbarungen des vorigen („Die Stunde der wahren Empfindung“) von einer großen Verschlossenheit. Früher hätte man gesagt: Es hat ein Geheimnis.