Vor einigen Jahren hatte ich über den Wert des Menschen geschrieben, als Professor Donald T. Forman aus Illinois ausgerechnet hatte, daß die chemischen Stoffe, aus denen der Mensch besteht, einen Gesamtwert von 13,92 Mark haben. Ich äußerte damals den Verdacht, daß der Mensch einen höheren Wert haben muß, weil er möglicherweise noch unbekannte Spurenelemente enthält, zum Beispiel Spurenelemente von Menschlichkeit.

Jetzt hat der Biochemiker Harold J. Morowitz von der Yale-Universität meine Vermutung bestätigt – freilich nur was den chemischen Wert betrifft, denn auch Morowitz hat noch keine Spuren von Menschlichkeit im Menschen entdeckt. Er hat einfach zusammengerechnet, was die hochorganisierten chemischen Verbindungen kosten müßten, die aus den billigen Grundstoffen in unserem Körper entstehen, und kam zum Schluß: Ein Durchschnittsmensch von 150 Pfund Gewicht ist an die sechs Millionen Dollar wert.

Einerseits wäre dies natürlich für jeden Menschen ein Grund, stolz zu sein; besonders für die Dicken, denn ich bringe es nach dieser Rechnung auf einen Preis von acht Millionen Dollar. Es liefert auch die wissenschaftliche Grundlage zu der allgemeinen instinktiven Vorliebe für den Vorgang des Kinderzeugens – bei dieser Preislage ist es ökonomisch das beste Geschäft der Welt. Und so sind Proletarier mitunter die Reichsten dieser Welt.

Vielleicht könnten es Regierungen und Militärs auf die naheliegende Idee bringen, daß es sich nicht lohnt, solch teures Material in Kriegen vernichten zu lassen.

Andererseits: Ist es vernünftig, mit einem solchen Wert frei und ungeschützt in den Straßen herumzulaufen? Haben nicht die Diktatoren recht, wenn sie das Teuerste, die Menschen, am liebsten hinter Gittern und Stacheldraht, gut bewacht verwahren? Und: Ist es nicht gefährlich, solche Zahlen zu veröffentlichen? Ist das nicht ein Wink für Gangster – private wie in Syndikaten, beziehungsweise als Staatsmacht organisierte – Menschen zu rauben und in Bestandteile zu zerlegen oder sie wie Milchvieh als Hormon- und Enzymespender in Käfigen zu züchten?

So will ich mir den Stolz auf meinen hohen Geldwert lieber verkneifen und die Herren Gangster warnen, daß das Geschäft gar nicht so gut sein kann, wie es aussieht. Die Rechnung von Harold J. Morowitz stimmt nämlich nicht. Als die teuersten Produkte unseres Körpers bezeichnet er ein Follikelhormon mit 4,8 Millionen Dollar und das Milchdrüsenhormon Prolactin mit 17,5 Millionen Dollar je Gramm. Allenfalls können diese Preise – weil es sich in beiden Fällen um weibliche Hormone handelt – die altbekannte Tatsache bestätigen, daß Frauen wertvoller sind als Männer. Sie haben sich auch immer teurer verkauft. Wer möchte aber zu so horrenden Preisen Prolactin kaufen, das ja nur Milchabsonderung in der Stillzeit bewirkt? Man kann sich Babynahrung viel billiger verschaffen. Und Follikelhormone gewinnt man in ausreichenden Mengen aus dem Harn von schwangeren Frauen, aus Stuten- und paradoxerweise auch aus Hengstharn. Als Bestandteil von Antibabypillen werden sie zu zivilen Preisen gehandelt, und die Pharmaindustrie zahlt ganz bestimmt nicht drauf. Auch das von Morowitz mit 12 000 Dollar pro Gramm eingesetzte Polypeptid Bradykinin, das den Blutdruck senkt, ist synthetisch herstellbar. Dies alles kann man in jeder Enzyklopädie nachlesen, wie ich es getan habe.

Trotzdem bin ich nicht vollends beruhigt. Neben der Rechnung von Morowitz stand die Nachricht, daß sich die Leber bestens zur Transplantation eignet. Also: Neben Augen, Nieren, Herz ist offenbar noch ein Austauschorgan da. Werden sich die Gangster womöglich auf den Raub von menschlichen Ersatzteilen spezialisieren, wie heute auf Autoersatzteile?

Nein, auch wenn die Rechnung des amerikanischen Biochemikers nicht stimmt, oder, sagen wir, nicht marktgerecht ist, sind wir Menschen doch entschieden zu teuer geworden. Können wir uns uns noch leisten? Gabriel Laub