Von Dieter E. Zimmer

Man kann’s auf zweierlei Weise sagen. So: Der spanische Cineast Carlos Saura ist in Deutschland schmählich übergangen worden, da seine Filme, über die Jahre verstreut, nur im Fernsehen gezeigt wurden. Oder so: Hätte sich nicht wenigstens die Filmredaktion der ARD seiner Filme angenommen, er wäre hierzulande einfach nichtexistent. So oder so: Kein Film von Carlos Saura, dem einzigen jüngeren spanischen Filmemacher von internationaler Geltung, ist je in deutschen Kinos gelaufen.

Was da versäumt worden ist, wird sich diesen Freitagabend ermessen lassen: wenn die ARD seinen letzten Film „Züchte Raben...“ (Cria cuervos...) sendet. Wer will, kann sich dann, seine Gedanken darüber machen, wieso dieser Film, der nicht fürs Fernsehen gedreht wurde, seit dem Sommer, als er in Cannes den Sonderpreis erhielt, in sechs großen Pariser Kinos läuft, dort inzwischen nahezu ein Kultobjekt wurde – und bei uns gerade für einen späten Fernsehabend gut ist. Züchte Raben, und sie werden dir die Augen aushacken. Eine Madrider Familie hat drei Töchter gezüchtet. Ana, die mittlere, acht Jahre alt, widersetzt sich der Zucht. Sie tut es, indem sie sich mit dem Tod verbündet.

Ein vollgestelltes, bedrückendes spanisches Bürgerhaus inmitten des lärmenden modernen Madrid. Nacht. Im Nachthemd schleicht Ana die Holztreppe herunter. Aus einem Zimmer hört man, daß sich da zwei lieben. Plötzlich geht das Liebesröcheln des Mannes in Todesröcheln über. Eine Frau rafft ihre Sachen zusammen und flieht. Unbewegten Gesichts schaut Ana zu. Dann geht sie zu dem Toten, betrachtet ihn unbewegt, nimmt ein Glas von der Kommode, spült es in der Küche sorgfältig aus, stellt es unauffällig unter andere Gläser. Sie glaubt, daß sie soeben ihren Vater vergiftet hat.

Vergiftet hat sie ihn, den Offizier und Frauenhelden, weil sie ihm die Schuld gibt an dem Unglück und dem qualvollen Tod ihrer Mutter, den sie lange mit ansehen mußte. Irgendwann hatte man ihr eine alte Blechdose mit Soda gegeben, die sie in den Müll werfen sollte. Als sie fragte, was darin sei, hörte sie: ein gräßliches Gift. Sie hob sich die Dose auf. Im Fall des Vaters scheint das weiße Pulver seine Wirkung bereits getan zu haben. Später bietet sie es der gelähmten und stummen Großmutter an, die mit unentwegtem Lächeln Jugendphotos betrachtet und Jugendschlagern lauscht: Die aber lehnt die Sterbehilfe ab. Dafür schüttet das Mädchen das Pulver überlegt in das Milchglas der Tante, die die Erziehung der Waisen übernommen und gerade wieder einmal bewiesen hat, ein wie schmerzlich/schlechter Ersatz für die Mutter sie ist. Da nun kommt heraus, daß das Kind sich irrtümlich für eine Herrin über Tod und Leben gehalten hat. Die Tante stirbt nicht, die langen Sommerferien gehen zu Ende, ein düsteres spanisches Haus entläßt ein ganz normales kleines Mädchen auf die laute Straße mit den bunten Getränkereklamen und in den Alltag der Schule.

Der Tod und das Mädchen: Als ihre Mutter starb, hat Ana den Tod zu nahe gesehen, um davor zurückzuschrecken. Der Tod ist ihr bester Bekannter. Ihr Hamster stirbt, in einem Schuhkarton begräbt sie ihn, dann schwärzt sie sich das Gesicht mit Erde ein. Ein Offizier verführt gerade ihre Tante: Da bedroht sie ihn mit der Pistole ihres töten Vaters, und die ist geladen. Mit ihren Schwestern spielt sie Verstecken; Als sie sie entdeckt, müssen sie sich „tot“ zur Erde werfen, und erst ihr Gebet macht sie wieder lebendig.

Zwanzig Jahre später, also Mitte der neunziger Jahre, erinnert sich Ana als Frau (gespielt von Geraldine Chaplin, die gleichzeitig Anas Mutter spielt) an diese Phase ihrer Kindheit: „Ich begreife nicht, wie Leute sagen können, daß die Kindheit die glücklichste Epoche ihres Lebens gewesen sei. Für mich zumindest war sie das nicht, und darum vielleicht glaube ich nicht an das kindliche Paradies noch an die Unschuld oder an die natürliche Güte der Kinder. Meine Kindheit habe ich als einen langen Zeitraum im Gedächtnis, in dem der langsame Gang der Stunden, die Furcht vor dem Unbekannten und der nächtliche Schrecken alles ausfüllten...“