Von Hans Krieger

Die tatenlose Lässigkeit, mit der wir der sich abzeichnenden ökologischen Katastrophe entgegentreiben, der vielleicht nur noch die militärische zuvorkommt, ist so niederschmetternd wie erstaunlich; sie als Krankheitssymptom zu deuten, scheint nicht abwegig. Dabei ist, wie auch die vom „Club of Rome“ angeregten Untersuchungen gezeigt haben, auch unter rein ökonomischen Gesichtspunkten blindes Weiterwursteln kaum mehr lange möglich; zum erstenmal in der Geschichte hängt das physische Überleben der Menschheit von einem radikalen ethischen Wandel ab.

Dies sagt, so weit durchaus in Übereinstimmung mit Mesarovic und Pestel („Menschheit am Wendepunkt“) der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm in seinem neuen Buch –

Erich Fromm: „Haben oder Sein – Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft“; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1976; 212 S., 22,– DM,

und er fügt hinzu, daß in dieser Situation das „utopische“ Ziel realistischer sei als der „Realismus“ der heutigen Politiker. Er befindet sich damit in Einklang etwa mit Roger Garaudy, der in seinem jüngsten Buch „Projet espérance“ („Projekt Hoffnung“, demnächst deutsch im Europa-Verlag) schreibt, nichts sei heute utopischer als der Glaube an eine Fortdauer des Status quo.

Das ist nicht der einzige Berührungspunkt zwischen den beiden Denkern. Beide setzen ihre Hoffnung auf einen „humanistischen“, von der Perversion des Zentralismus und Dogmatismus gereinigten Sozialismus, beide wollen zur Begrenzung der Produktion auf die Befriedigung „vernünftiger“ Bedürfnisse auf dem Wege echter Selbstbestimmung gelangen. Und auch das Zentralthema des neuen Fromm, die, Unterscheidung der Existenz-Mode des schöpferischen Seins und des entfremdeten Habens, findet sich bei Garaudy wieder, wenn er dem Wachstums-Fetischismus einer in West und Ost auf grenzenlose Expansion der Produktion und des Konsums abgestellten, die Substanz der Menschen wie des Planeten ausplündernden Wirtschaft mit der Forderung entgegentritt, den quantitativen Wachstumsbegriff der Sachen und des Habens durch einen qualitativen des Menschen und des Seins zu ersetzen.

Solche Übereinstimmungen erinnern daran, daß es uns vielleicht weniger an neuen und originellen Ideen fehlt als dem Mut, bereits vorhandene Einsichten in Handeln umzusetzen und dafür einiges an (Denk- und sonstiger) Bequemlichkeit zu opfern. Und vielleicht hat Fromm recht, wenn er meint, daß es dazu der energiespendenden Kraft einer großen Vision bedarf, des motivierenden Glaubens an Werte, die an die Stelle der unübersehbar gescheiterten Fortschrittsreligion treten können. Wenn Fromm als Kern einer solchen neuen Wertorientierung („Religiosität ohne Religion“) die Möglichkeit eines nichtentfremdeten Lebens nennt und diese dadurch definiert, daß die Welt nicht im Modus des Habens, sondern dem des Seins erlebt wird und liebende Teilnahme an die Stelle der Besitz- und Machtorientierung tritt, so kann er sich nicht nur auf Denker wie Spinoza und Meister Eckhart oder die Lehren des Buddha berufen, sondern auch auf den frühen Marx, in dessen Manuskripten zu lesen ist: „Das Privateigentum hat uns so dumm und einseitig gemacht, daß ein Gegenstand erst der unsrige ist, wenn wir ihn haben, also als Kapital für uns existiert... An die Stelle der physischen und geistigen Sinne ist daher die einfache Entfremdung aller dieser Sinne, der Sinn des Habens getreten.“