Von Hans Wollschläger

Solchen Produkten gehen Gerüche voraus: Man wittert, wie in einer Schlechten Wirtschaft, die Küche, noch ehe serviert ist; es riecht nach allem möglichen, nach Waschmitteln, nach Wust und Ware aller Art; und wenn die Sachen dann endlich auf dem Tisch sind, frisch gebacken und geleimt, ist man eigentlich schon satt, und die einzige Überraschung, die sie mit sich bringen, ist die, daß es sich um Bücher handelt. Das ist dann aber schon gar nicht mehr wichtig, so wenig wichtig wie das, was sie in sich haben: ob das nun „Die Hanse“ heißt oder „Die Römer“, „Die Hethiter“ und jetzt:

Johannes Lehmann: „Die Kreuzfahrer – Abenteurer Gottes“; Verlag C. Bertelsmann, München, 1976; 432 S., 34,– DM.

Verbraten sind sie alle auf die gleiche Art, und die Geschmacksfrage, die sie aufwerfen, ist im Prinzip schon durch dieses Verbratensein entschieden. Bestseller, die derart ausgekocht sind, die sich derart mit dem vollen Energieschwall der Warenwerbung vordrängen, statt sich hinten anzustellen und auf den Ruf zu warten, der ihnen vorausgeht, Bestseller leben nie von ihrer Substanz.

Sie leben einzig von den Gerüchen und Gerüchten, die ihnen vorausgestreut werden (und wenn man verdächtig ist, eventuell mitstreuen zu mögen, kann man sie sogar lange vor Erscheinen schon im Manuskipt haben); sie leben nicht auf ihre Bewährung zu, nicht auf die Bestätigung durch die Kritik, durch ihre Verehrer und Verzehren, sondern nur auf ihre Bestellung, und der einzig kritische Punkt in ihrer Karriere ist ihr Erscheinen. Daß in ihnen dann irgendwas drinstehen muß, dieses oder jenes, dürfte von den Herstellern entsprechend längst als lästige, da unnötig riskante Pflicht empfunden werden, und nachgekommen wird ihr vermutlich nur noch, weil man sich ein Konsumentenpublikum einbildet, das einen schön gebundenen Blindband tatsächlich reklamieren würde. (Man sollte das Experiment trotzdem einmal wagen; ein Kompromiß zumindest wäre die planmäßige Einführung des Phänomens „Schimmelbogen“, die zur Rationalisierung des Betriebs, des schöpferischen wie des technischen, einen wertvollen Beitrag leisten könnte.)

Bestseller rechnen auf alles mögliche, nur nicht auf Bewertung und Kritik: Sollte man ihnen überhaupt noch Rezensionen widmen? Denn solche Würdigungsformen müssen, ja angesichts ihres eigenen Würdeverständnisses als hoffnungslos obsolet erkannt werden, und der Notwehrgedanke der Literaturkritik, sich dem Fortschritt anzupassen und auch die Besprechung des Buches der Lektüre des Buches vorauszuschicken, ist weit weniger aussichtsreich als verlockend. Man richtet nichts aus; man muß die Bestseller, die fast schon ein Schicksal sind und als solches doppelt prädestiniert, mit Ohnmacht und Geduld ertragen – und kann gelegentlich höchstens, kleine Anmerkungen darüber machen, was man da erträgt und gegen was man nichts ausrichtet.