Auf der Suche nach der verdrängten Zeit“ könnte der Untertitel des Buches heißen; der neue Roman von

Christa Wolf: „Kindheitsmuster“, Roman; Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1977; 480 S., 32,– DM

ist eine einzige, bohrende, forschende, prüfende Qualfrage: wie war das damals. Ist die Frage nach dem „einfachen Faschismus“. Eine Anwort, zögernd, ist er nur zu Teilen. Die Reise der gleichsam arriviert-bürgerlichen DDR-Familie ins Einst stellt sich diesem Wort in seiner doppelten Bedeutung: einst kann Vergangenheit bedeuten wie Zukunft. Die Gegenwart liegt dazwischen. Sie zu bestimmen, unser Heute und Hier, kann nur gelingen, wenn Erinnerung begriffen wird als Ausforschung von Gewissen. Wo wir angelangt sind, kann nur markiert werden, wenn wir wissen, welchen Weg wir gegangen sind. Wenn wir Fragen stellen an die Generation, die „dabei war“, als gesungen wurde „Freiheit ist das Feuer, ist der helle Schein, so lang sie noch lodert, ist die Welt nicht klein“; und wenn wir uns den Fragen stellen der Generation der Grass’schen Söhne, (im „Tagebuch der Schnecke“): „Hat das denn immer geklappt? Und was war das für Gas?“

Christa Wolfs Familie, die für 48 Stunden ins heutige Polen fährt – damit in die eigene Vergangenheit, „vor Ort“ – umfaßt genau diese beiden Generationen; die denkbar einfachste Romankomposition. Erinnern heißt: Gerichtstag halten. Erinnern, das ist heute kein bloß artistischer Vorgang mehr, ist in sich ein qualitativ anderer Prozeß geworden als der Proust’sche. Die Dimension jeder Recherche hat sich verändert; und je präziser sie künstlerisch artikuliert, desto genauer muß sie historisch sein. Hubert Fichtes nur vordergründig akrobatische Wortreihen sind in Wahrheit Sonde in genau diesen Geschichtsabgrund, so gut wie Paul Wunderlichs Satz zu seiner Arbeit an einem Joyce-Text: „Wo Joyce noch ‚schöne Jüdin‘ sagen konnte als bloßes Exotikum, denkt meine Hand Geschichte mit; die Brille einer schönen Jüdin wird bei mir zu Brillen, vielen Brillen, Sälen voller Brillen ...“

Dem stellt sich Christa Wolf. Die Reise in den kleinen Ort des heutigen Polen, der früher seine Adolf-Hitler-Straße und seinen Hermann-Göring-Platz hatte, und in dem das Lebensmittelgeschäft floriert, weil ja die Arbeitslosen von der Straße waren und keiner mehr anschreiben lassen mußte – das ist eine Reise in die Unerbittlichkeit; der Krämer und der Lehrer, die Jungmädelführerin und der Fuhrunternehmer, die Mutter, die die BdM-Bluse plättet und der Vater, der „Es zittern die morschen Knochen“ für ein Lied hält: Kindheitsmuster. Diese banale Welt des Nazi-Alltags mit Ohm Krüger im Kino und der Plakette „Einer für Alle, Alle für Einen“ an der Wohnungstür und der Straßensammlung mit dem lustigen Porzellan-Vögelchen, die der freundliche Spender sich ans Revers stecken konnte – aber die Tante, die nicht so richtig im Kopfe war, kam nicht mehr zum nächsten Napfkuchengeburtstag –, diese Welt, nicht bevölkert von lauter Ilse Kochs, aber von Blockwarten und „Die-deutsche-Frau-raucht-nicht“-Nachbarinnen: wie läßt sie sich greifbar, begreifbar machen?

Attackiert – wird sie zum Pamphlet. Beschrieben – wird sie zur Volksempfänger-Nolstalgie. Verhöhnt – wird sie zur Teppichfresser-Karikatur. Christa Wolf hat sich zu einer Methode entschlossen, die die moralisch unanfechtbarste, und die die literarisch fragwürdigste ist. Sie erläutert.

Damit ist das Buch zu einem noblen Essay geworden – und als Roman zerronnen. Die formale Unsicherheit dieser sonst so stilsicheren Autorin zeigt sich auf fast jeder Seite. Überlegungen zur künstlerischen Struktur, zur Möglichkeit von Gelingen oder Scheitern angesichts des Themas und seiner appellhaften Zwanghaftigkeit durchziehen das Buch von Seite 9 („die Schwierigkeiten haben noch gar nicht angefangen“.) bis Seite 529 („Dies scheint das Ende zu sein. Alle Zettel sind von deinem Tisch verschwunden.“).