FehldiagnosenIrren ist ärztlich

Patienten sollten mehr mitdenken von Heribert v. Koerber

Von Heribert v. Koerber

Jeder dritte Patient mit Bronchialkrebs bekommt von seinem Arzt eine falsche Diagnose, wird falsch behandelt und zu spät in die Klinik eingewiesen. Die Zahlen der verschiedenen Untersuchungen bewegen sich zwischen 39 und 44 Prozent. Von 526 bronchialkrebskranken Patienten, die in der Nürnberger 2. Medizinischen Klinik aufgenommen wurden, kamen 208 Patienten (39,5 Prozent) mit einer falschen Diagnose. Bei 115 fehldiagnostizierten Patienten (55,3 Prozent) hatten die niedergelassenen Ärzte zwar keinen Krebsverdacht geäußert, aber das erkrankte Organ richtig erkannt. Dagegen wurden 36 bronchialkrebskranke Patienten mit der Diagnose einer Erkrankung des Magen- und Darmtrakts, der Galle oder Leber eingewiesen. 27 Patienten sollten wegen einer Erkrankung des Herzens und der Kreislauforgane klinisch untersucht werden. Bei sechs Patienten vermuteten die überweisenden Ärzte eine Erkrankung der Nieren, der Harn- und Geschlechtsorgane. 24 Patienten kamen mit der Diagnose: Erkrankung des Gehirns, der Wirbelsäule, der endokrinen und anderer Organe.

Dazu muß man allerdings wissen, daß die Gefahr einer Fehldiagnose bei Bronchialkrebs besonders groß ist. In der 2. Medizinischen Klinik entstanden 7,3 Prozent „hauseigene“ Fehldiagnosen, die erst durch die Autopsie entdeckt wurden. Ein Risiko, mit dem wir alle leben müssen, besonders jene, die ihr Risiko durch Rauchen, nachlässige Behandlung von Bronchialerkrankungen und blindes Vertrauen in die Unfehlbarkeit ihres Arztes zusätzlich vergrößern.

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Vergleichbare Untersuchungen über die Fehldiagnosen bei anderen Erkrankungen sind selten. Die meisten Autoren beschränken sich auf die Beschreibung von Einzelfällen und bieten keine Statistik an. Im Durchschnitt wird die Fehlerquote auf 15 bis 20 Prozent geschätzt.

Der Hamburger Internist Professor Werner Menzel suchte 200 typische Fälle aus Sektionsberichten heraus, bei denen die klinischen und anatomischen Diagnosen nicht übereinstimmten. Er fand unter anderem Fälle von Herzaneurysma, Lungenentzündung, Nierenbeckenentzündung, Magenkrebs, Leberzirrhose, Bronchialkrebs. Auffällig ist bei den Fällen von Bronchialkrebs, daß die Patienten eingehend röntgenologisch untersucht wurden und wiederholt entnommenes krankhaftes Gewebe krebsfrei war.

Chirurgen haben mit Fehldiagnosen weniger Probleme. Im Zweifelsfall operieren sie. Das kann lebensrettend sein, aber oft wird ihnen die Vorsicht als Operationseifer angelastet, vor allem bei den vermeintlichen Blinddarmentzündungen. Professor Gustav Hegemann, Direktor der Chirurgischen Klinik der Universität Erlangen: „Man muß dabei in Kauf nehmen, daß auch einmal der Bauch bei gesundem Wurmfortsatz geöffnet wird. Trotz fehlender Bauchdeckenspannung, fehlendem Fieber und normalen Leukozytenwerten, ja bei Durchfall, kann eine nekrotisierende Appendizitis vorliegen.“

Ein anderer Chirurg: „Ich hätte meinen Sohn fast durch eine nicht erkannte Appendizitis verloren, weil der Wurmfortsatz bei ihm hinter dem Dickdarm lag. Er war weder von der Bauchdecke her noch rektal zu tasten.“

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