Militärhilfe ist ein widerspruchsvolles Instrument auswärtiger Politik. Dem Westen ist es mit Israels Unversehrtheit ernst, aber er verkauft den Arabern Waffen; Chiles antidemokratisches Militärregime wird verdammt, aber Bonn läßt chilenische Offiziere bei uns ausbilden; jahrhundertelang war die Türkei der Schrecken Europas, aber kaum hatte sich Griechenland 1829 unter allgemeinem Beifall freigekämpft, schickte Preußen Militärberater zu den Türken.

Gerade das letzte Beispiel zeigt, daß es auch auf diesem undurchsichtigen militärisch-diplomatischen Gebiet starke Traditionen gibt. Wohl keinem anderen Land wurde – aus Anfängen, für die kein überzeugendes Argument beizubringen ist – so langdauernd Hilfe zuteil wie der Türkei von Seiten Preußens und Deutschlands. Sie geht, mit Unterbrechungen im 20. Jahrhundert, ins 142. Jahr. Zuletzt wurde im vorigen Sommer ein neuer Vertrag zwischen Bonn und Ankara über 100 Millionen Mark Verteidigungshilfe abgeschlossen.

Der Beginn 1835 war bescheidener, dafür mit einem Namen verknüpft, dessen späterer Glanz dem offiziellen Auftakt des preußischen militärischen Know-how bei der Pforte legendär verklärt. Hauptmann Helmuth von Moltke trat nämlich in des Sultans Dienste und blieb vier Jahre dort. Schon dem Rang entsprechend, mußte indes Moltkes Beitrag zur Reorganisation des Heeres unerheblich bleiben; erst als Generalmajor war man „Pascha“ und galt etwas. Alle späteren deutschen Instrukteure, jedenfalls die Missionsleiter, hielten sich auch an solche orientalische Binsenwahrheit und trafen schon mit herzeigbaren Epauletten am Bosporus ein: Colmar Freiherr von der Goltz, Otto Liman von Sanders, Erich von Falkenhayn, Hans von Seeckt.

Wie mag es um den Wert solcher jahrzehntelangen Hilfe bestellt gewesen sein, fragt man sich im Bewußtsein der Tatsache, daß die Türkei bis 1918 nur Niederlagen erlitten hat mit Ausnahme des Pyrrhussieges von Gallipoli 1915, und den erfocht Liman von Sanders. Das ist denn auch die entscheidende Frage an das Buch von

Jehuda L. Wallach: „Anatomie einer Militärhilfe. Die Preußisch-deutschen Militärmissionen in der Türkei 1835–1919“; Droste Verlag, Düsseldorf 1976; 284 S., 48,– DM.

Der aus Deutschland gebürtige Professor für Militärgeschichte an der Universität von Tel Aviv beantwortet sie aus überquellendem Aktenbestand mit sachlicher Präzision Und ohne irgendeinen antideutschen Affekt, indem er die Zweifel stützt. Wallachs Anatomie legt ein Skelett von geradezu erschütternden Mangelerscheinungen frei. Aller Verbesserungswille der militärischen Gastarbeiter aus Preußen (später auch hin und wieder aus Bayern) scheiterte an den widrigen Umständen: Mentalität, Glaubens- und Sprachbarrieren, Korruption, Mißwirtschaft, Armut, Boykott. Nicht zuletzt gab es grotesk anmutende Aktivitätsfesseln durch den Sultan selber. So ließ der tyrannische Abdul Hamid II. (1876–1909) jahrzehntelang in der Armee keine Schießübungen zu, aus Angst vor einem Attentat...

Wenn die deutschen Berater trotz moralisch ermüdender Funktion in den meisten Fällen dennoch blieben und ihre Verträge gar verlängern ließen, so lag es an außerdienstlichen Anreizen. Teils hatten sie im Heimatheer ihre Aufstiegsgrenzen erreicht, gewannen dagegen in der Türkei schon bei Erscheinen mindestens einen Dienstrang dazu; teils lockte der hohe Sold, den sie mit levantinisch erlernter Gewandtheit von Zeit zu Zeit zu steigern wußten.