Von Elke Kummer

Die Hexe mit ihren kannibalischen Neigungen ist eine Personifikation der destruktiv ven Aspekte des Oralen. Der Wolf ist nicht nur der männliche Verführer, er verkörpert auch alle asozialen, animalischen Tendenzen in uns. Rotkäppchens Gefährdung liegt in ihrer knospenden Sexualität, für die sie noch nicht reif ist; ihre tödliche Faszination durch den Wolf repräsentiert die ödipale Sehnsucht des Mädchens nach dem Vater. Eine Bohnenranke, die bis in den Himmel wächst, ist die magische Kraft des Phallus, sich aufzurichten. Ein Beutel Gold und goldene Eier verbildlichen anale Besitzvorstellungen. Drei Tropfen roten. Bluts im weißen Schnee sind Unschuld im Gegensatz zu sexuellem Begehren. Zwerge symbolisieren die präödipale Existenz des Kindes. Dornröschens hundertjähriger Schlaf ist die todesähnliche Passivität am Ende der Kindheit. Der Frosch mit seiner feuchtkalten Klebrigkeit und seiner Fähigkeit, sich aufzublasen, wenn er erregt ist, steht für die Geschlechtsorgane. Die Wendeltreppe bedeutet ein sexuelles Erlebnis. Ein verschlossener Raum ist die Vagina. Das Umdrehen des Schlüssels im Schloß symbolisiert den Geschlechtsakt,

Psychologie, anschaulich gemacht: Mit seinen Märchendeutungen, deren großes Verdienst es ist, weit über bloße Interpretation hinaus die wesentlichen psychischen Phänomene des kindlichen Wachstumsprozesses, die heftigen inneren Kämpfendes-Heranwachsens mit verbindlichen, allgemeinverständlichen Bildern zu versehen, formuliert der um die Jahrhundertwende, in Österreich geborene Psychoanalytiker Bruno Bettelheim, der, von den Nazis verfolgt, 1939 nach Amerika ging und durch seine Therapie-Erfolge bei seelisch gestörten Kindern berühmt wurde, eine Mahnung an alle, die Kinder erziehen: die Reichtümer unserer literarischen Tradition nicht brach liegen zu lassen, sondern die Erziehungshilfe, die sie uns bieten, in Anspruch zu nehmen und ihnen wieder die zentrale Rolle im Leben des Kindes einzuräumen, die ihnen jahrhundertelang zu Recht zugefallen ist –

Bruno Bettelheim: „Kinder brauchen Märchen“; Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, 1977; 220 S., 32,– DM.

Der umfangreiche Band mit Interpretationen der Volksmärchen ist das Ergebnis einer Beobachtung, die sich dem Erzieher Bettelheim während seiner therapeutischen Arbeit mit Kindern immer wieder aufdrängte: daß normale ebenso wie gestörte Kinder, aller intellektuellen Entwicklungsstufen im Volksmärchen mehr Befriedigung fanden als in der ganzen übrigen Literatur.

Die verstandenen Ängste

Bettelheim plädiert deshalb dafür, die in den letzten-Jahren mühsam verdrängten Könige und Königinnen, Jäger und Holzhacker, Feen und Zwerge, Hexen, Zauberer, Riesen, Ungeheuer und Stiefmütter, die guten und die bösen Tiere sollten schleunigst wieder Einzug in die Vorstellungswelt der Kinder halten. Er weiß, wie provozierend das wirken mag; wie verstörend die Bejahung der in den Märchen aufgehobenen „Irrationalität“ auf manchen fortschrittlichen Pädagogen, auf die Verfechter alleinseligmachender Rationalität, auf die Vorkämpfer eines vornehmlich realitätsbezogenen Lernprozesses und die Verächter von Phantasien wirken muß. Unbeeindruckt davon legt er die in den Märchen dargestellten Grausamkeiten, den Sadismus, den Kannibalismus, die Sodomie und was sonst noch alles vorkommt, mit Hilfe psychoanalytischer Techniken bloß.