Rundfunkwirklichkeit contra Programmauftrag

Von Heinz Hostnig

Der Autor dieses kontroversen Beitrags ist Leiter der Hörspielabteilung des NDR.

Enthusiasten waren einmal fest davon überzeugt, daß der Rundfunk eine kulturelle Revolution einleiten werde. Die Möglichkeit zur unbeschränkten Teilnahme an den Ereignissen auf der Erde, die phantastische Überwindung trennender Staatsgrenzen müßte doch, so erwarteten sie, den Menschen ein Gefühl brüderlicher Zusammengehörigkeit vermitteln und sie insgesamt friedfertiger stimmen.

Realistischere Vorstellungen entwickelten Autoren wie Alfred Döblin, der in seiner 1929 in Kassel gehaltenen Rede an die schreibende Intelligenz die Konturen einer wiederzugewinnenden Redekultur entwarf, als er feststellte: „Es heißt jetzt Dinge machen, die gesprochen werden, die tönen.“ In der Mündlichkeit des Redens sah er die kulturelle Funktion des Rundfunks. Er sah sie als Demokrat und Schriftsteller. Rundfunk, so läßt sich aus seiner Forderung ableiten, war für ihn das zeitgemäße Forum, auf dem nach Jahrhunderten obrigkeitlicher Bevormundung die Bürger wieder lernen könnten, ihre Angelegenheiten offen voreinander zu verhandeln und auszutragen. Als Schriftsteller aber sah er durch dieses Forum nicht etwa das Zeitalter der Schrift abgelöst und durch ein neues, besseres ersetzt, sondern er erhoffte sich aus der Rückwirkung freier Rede auf die Schrift deren Durchblutung und Belebung.

Döblins Appell blieb so gut wie ungehört. Wenige Jahre nach Kassel verwirklichten die Nationalsozialisten mit Hilfe des Mediums das, was sie unter kultureller Revolution verstanden. Ein auf Schrift fixiertes Publikum, bar jeder Redekritik, diesbezüglich vom Rundfunk der Weimarer Republik völlig alleingelassen, ergab sich der sachentlasteten Beschwörung von Verständigung mit massenhaft reproduzierbaren, vornehmlich emotionsgeladenen Sprachimpulsen.

Welche Konsequenzen hat nun die mit Rundfunk befaßte Intelligenz nach Hitler aus den bösen Erfahrungen gezogen? Zunächst wurden – und zwar in Anlehnung an das vorbildliche Muster der BBC – Rundfunkgesetze erlassen, die dem Rundfunk Staatsferne garantieren. Außerdem erhielt der Rundfunk einen gesetzlich verbindlichen Programmauftrag. Ihmzufolge ist der Rundfunk vornehmlich dazu verpflichtet, durch seine Programme zur Entwicklung der Demokratie und zur Völkerverständigung beizutragen. Verantwortlich für diesen Auftrag sind die Intendanten der einzelnen Rundfunkanstalten. Sie haben die Mitarbeiter, die das Programm gestalten, nach Gesichtspunkten auszuwählen, auf Grund derer sichergestellt ist, daß die Sendungen den Forderungen des Programmauftrags entsprechen. Theorie und Praxis des Rundfunks haben sich von der faktischen Gesetzesgrundlage nicht sonderlich inspirieren lassen. Das wird schon deutlich in den Einstellungsverfahren: „In der... Redaktion ist die Stelle eines ... Redakteurs zu besetzen. Bedingungen: Erfahrung in der Hörfunkberichterstattung zur weitgehend selbständigen Realisation von Hörfunkberichten. Kenntnisse der (politischen, wirtschaftlichen, kulturellen etc.) Probleme. Journalistisches Engagement.“ Von Sprechern wird die Beherrschung der deutschen Hochlautung, gute Allgemeinbildung, Fremdsprachenkenntnis und die Kenntnis von Ausspracheregelungen der wichtigsten europäischen Sprachen verlangt. Eine Mikrophonprüfung gibt Aufschluß über die stimmliche und sprechtechnische Eignung an Hand von Nachrichten-, Kommentar-, Ansage- oder literarischen Texten. Die Prüfungsterminologie lehnt sich dabei an die verschwommenen Begriffe an, die im Theater üblich sind. Inzwischen entfallen sogar diese „Prüfungen“, weil es möglich geworden ist, auch als Moderator von Schlagersendungen quasi durch die Hintertür des Rundfunks die begehrte Festanstellung als Sprecher zu erreichen.