Sehr geehrter Herr Springer,

Daß Sie nicht für jede Zeile Ihrer Blätter verantwortlich zu machen sind, weiß ich. Andererseits ist bekannt, daß Sie zumindest die Richtlinien Ihrer Zeitungen und Zeitschriften bestimmen. Über den Tod meines Bruders berichtete Ihr BILD:

– „Der Tote im Schnee ist an seinem Reichtum erstickt.“

– „Sein Leben und Sterben war wirklich nur eine Frage des Kontos.“

– „Er war kleiner als Gunter, hatte nicht dessen große Nase, dessen behaarte Brust und was sonst noch an ihm groß sein soll.“

Herr Springer, wir sind uns selten begegnet; ich möchte Sie nie mehr wiedersehen.

Gunter Sachs: Offener Brief an Axel Caesar Springer (abgedruckt als Anzeige in der Süddeutschen Zeitung)

Es hat mir erst die Sprache verschlagen, was über mich in den vergangenen Wochen zusammengeschrieben wurde. Jetzt meine ich: Es reicht. Ich bin nicht so dickhäutig, wie einige zu denken scheinen. Vielleicht habe ich zu empfindlich reagiert. Aber für mich war diese Pressekampagne mit Munition aus meinem Privatleben ein tiefer Schock. Ich kenne die Leute, die da über mich schrieben. Ich weiß auch einiges aus ihrem Privatleben. Ihre Scheinheiligkeit widert mich an.

Franz Beckenbauer im „stern“ über „Bild“

Nachruf auf „Bambule“

Ulrike Marie Meinhofs Stück „Bambule“ wird nun in Stuttgart doch nicht uraufgeführt. Claus Peymann und die Schauspieldirektion der Württembergischen Staatstheater in Stuttgart haben resigniert, weil nach „dem Verbot des Generalintendanten Doll die Reaktion in der Öffentlichkeit“ eine „sachliche und kritische Auseinandersetzung mit dem Stückinhalt zu diesem Zeitpunkt leider ausschließt“. Die Schauspieldirektion, die in den letzten drei Jahren in eigener künstlerischer Verantwortlichkeit arbeiten konnte, sieht in dem Vorfall ein Symptom für „zunehmende Zensurversuche, die Künstler und Journalisten einschüchtern sollen“. In seiner Erklärung verspricht Peymann, daß sich das Stuttgarter Schauspiel durch das „Klima der Ängstlichkeit“ nicht in die „Sackgasse der Selbstzensur“ manövrieren lassen werde.

Wiener Schule rediviva

In den letzten Jahren wurden Bilder aus der Schule der Wiener Phantasten eher reserviert „eingestuft“. Nun scheint sich eine Wende anzubahnen: Nachdem Ernst Fuchs zum zweitenmal mit triumphalem Erfolg eine Bühnenausstattung produzierte, hat Deutschlands exemplarisch wichtigster Sammler und Mäzen Ernst Ludwig zwei große Ölbilder von Rudolf Hausner erworben und sich zwei weitere noch unfertige Bilder nach einem Besuch im Wiener Atelier des Malers gesichert. In die Sammlung Ludwig integriert zu werden ist für einen modernen Maler die prominenteste Präsentation.

Anerkennung auf Umwegen gesucht

Nonkonformistische Künstler in der UdSSR, Maler und Bildhauer, haben es schwer, nicht allein eine wirtschaftliche Basis für ihre Existenz zu finden, sondern sich überhaupt erst einmal Geltung zu verschaffen, zu erreichen, daß man sich mit ihnen auseinandersetzt: mit den Argumenten der Kunst. Hier und da versuchen sie es auf dem Wege über das Ausland – was für Künstler natürlich noch umständlicher und beschwerlicher, als etwa für Schriftsteller. Drei Maler und Graphiker aus Leningrad werden in Kürze dennoch in der Bundesrepublik ausstellen. Sie heißen Igor Sacharow (30), Jurij Dyschlenko (41) und Anatolij Putilin (29). Am 12. Juni ist Vernissage in Düsseldorf, in der Galerie Stantschev. Ausstellungen in München und Hamburg sollen folgen.

Kunstpreis für Strafgefangene

Auf den Erfahrungen, die Günter Heiß, Inhaber der Singener „Galerie Kunsthäusle“, in der Vollzugsanstalt seiner Stadt mit Ausstellungen und Diskussionen seit einem Jahr gemacht hat, basiert ein bisher einzigartiger Versuch: Heiß hat einen Gefangenen-Kulturpreis gestiftet, mit dem Gemälde und Graphiken oder Plastiken ausgezeichnet werden sollen. Thema ist „Der Mensch“. Das Echo, das Heiß auf seinen an alle 287 Strafvollzugsanstalten der Bundesrepublikgeschriebenen Rundbrief erhalten hat, ist schon so groß, daß er mit gut tausend Arbeiten rechnet. Der Preis – einmal 1000 Mark, zehnmal 200 Mark – soll am 6. November dieses Jahres um 11 Uhr in der Universität Konstanz verliehen werden. Festredner ist der (mit dem Metier vertraute) Schriftsteller Henry Jäger.