Kritik aus der Provinz Auf der Suche nach eigenem Profil

Günther Jansen, SPD-Vorsitzender im nördlichsten Bundesland, steuert auf Kollisionskurs Von Gunter Hof mann Kiel, im Mai

Seine Welt umfaßt zehn Quadratkilometer, fünfzehn Ortschaften, knapp 5000 Einwohner. Der Beruf, den er ausübt, kommt seinem Ideal nahe. Günther Jansen, hauptamtlicher Bürgermeister von Süsel, Ostholstein, gerät fast ins Schwärmen, wenn er von der Gemeinde berichtet, die er seit 1970 unstrittig erfolgreich verwaltet — und auf unorthodoxe Weise. Süsel ist sein Modell, wie er bürgernahe Politik auch im großen Maßstab machen würde, wenn er könnte. In Süsel gehören dazu beispielsweise ein Altenparlament, das einzige seiner Art, ein kleiner Bus Service, ein Wäschedienst, Telephonanschlüsse für Bedürftige (die nur die Grundgebühren zahlen) oder Gemeinderatssitzungen, bei denen die Bürger sich an den Debatten beteiligen. Der Parteiarbeit widmet sich Jansen erst nach Feierabend. Der Vorsitzende der. SPD SchleswigHolsteins (seit 1975), der sich gemeinsam mit Oppositionsführer Klaus Matthiesen das Erbe von Jochen Steffen teilt, möchte gar nicht „Berufspolitiker" sein. Seine Unabhängigkeit von Ämtern betrachtet er als eine Stärke. Auch im lautstarken Konflikt mit den „Profis" aus Bonn, den er derzeit austrägt.

Noch scheint es Günther Jansen einigermaßen zu behagen, welche Publizität er genießt, wenn er in Pressekonferenzen, Interviews oder notfalls auch Kolumnen für das da wahre Sprengsätze an Vorwürfen gegen den Kanzler abfeuert. Seine Widersacher in den eigenen Reihen, besonders in der Kieler Landtagsfraktion, klagen unverhohlen über verheerende Flurschäden, „wie wir das in den härtesten Zeiten mit Jochen Steffen nicht erlebten". Fraktipnschef Matthiesen mahnte bisher vergebens, die Partei müsse nach außen ein „integriertes und geschlossenes Bild" bieten. Und Matthiesens konservativer Vize Kurt Harner fragt, ob Jansen „der richtige Mann am richtigen Platz" sei.

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Aber Jansen erntet bei den Kreisparteitagen vor dem Landes Treffen im Juni gegenwärtig Sieg auf Sieg: Ein Stimulans, das ihn nur neu beschwingt; Seine betonte „Kpnfliktstrategie" gegenüber der Regierung Schmidts findet vielfache Resonanz. In der „Basis" ist er sichtlich verankert; kein Wunder, denn vor Ort taucht er so richtig in sein Element ein, : Irn „Dithmarscher Hof" des Kirchspiels Lunden (nahe Heide), dort, wo Sozialdemokraten Über den „Terror gegen, die Westküste" schimpfen, messen sie ihn an seinem Vorgänger Steffen — und finden, auch der Epigone sei ihr Mann. Die da applaudieren, sind eher behäbige Querköpfe als heißspornige Linke. Das linke Image, das Jansen hat, der Ruf, er neige zum „Radikalen", gar zum „Putschen" gegen Bonn, stimmt nicht mit dem überein, was sie sehen: einen, der so ist und so spricht wie sie, eine ehrliche Haut. Er steht aufrecht. Im übrigen: Bonn ist fern, und Animositäten gegen die „große Politik", wie sie die „eigenen Genossen" betreiben, schwängern die Gasthausluft.

Hätte Günther Jansen Helmut Schmidt bloß ins Blaue hinein attackiert und damit nicht auch einen Unmut innerhalb der SPD artikuliert, der sich lange aufgestaut hat — seine Position wäre längst unhaltbar. Aber das Defizit der SPD — ein Bedürfnis nach einem neuen Start — das er beschreibt, gibt es wirklich; das zu spüren, verschafft ihm mehr Rückhalt, als er ihn anders vielleicht je erwerben könnte. Und das wiederum erleichtert es Egon Bahr — der als Bundesgeschäftsführer und Mitglied des Kieler Landesvorstandes ohnehin eine schwierige Gratwanderung absolviert — keineswegs, die Oberfläche der Partei im nördlichsten Zipfel publikumsgerecht zu glätten.

Person und Sache, argumentiert Jansen, seien „in der Politik einfach nicht zu trennen". Das heißt im Klartext: Es muß auch über Helmut Schmidt gesprochen werden, weil sich mit dessen Politik viele Sozialdemokraten kaum noch identifizieren können. Wer auf Kernenergiekurs fahren wolle, auch wenn die Partei ein Veto eingelegt habe, verhalte sich gegenüber der SPD einfach „unsolidarisch", grollt er gegen den Kanzler. Schmidt sei „ein paar mal zu viel mit Industriellen und Bankiers auf Auslandsreise gegangen", wettert er ein andermal. Auf einen Entschuldigungsbrief an Schmidt, den Bahr ihm abtrotzte, schwieg wiederum der Kanzler: Daß der nicht zu einer versöhnlichen Geste bereit sei, verbucht Jansen als falsche Empfindlichkeit.

Jansens Begriff von Politik hat ohnehin eine eher sportliche Note. Widersacher sprechen von einer gehörigen Portion Unausgegorenheit und Naivität. Aber Mehrheiten stehen bei ihm: zuletzt, als der Landesvorstand mit neun zu zwei Stimmen ihm ausdrücklich das Vertrauen erklärte, nachdem das Präsidium der SPD seine „überzogenen Äußerungen" hart gerügt hatte Sieben Stunden lang hatte Bahr eine solche Loyalitätsgeste zu verhindern gesucht. Ein Wachwechsel an der Parteispitze, der bei den Sozialdemokraten Schleswig Holsteins für mehr Bonn Nähe sorgt, findet danach auf absehbare Zeit wohl kaum statt.

Kalkuliert Jansen bei seiner Konfliktstrategie das Risiko ein, daß Helmut Schmidt aus Überdruß aufgibt? Dies ist eine Frage, die er am liebsten wegschieben und verdrängen möchte. Alle Antworten darauf münden ins Unverbindlich— Unpräzise „Selbstverständlich" sei für ihn eine CDU Regierung „keine Alternative"; aber ebenso selbstverständlich müsse es doch sein, daß die Regierung wieder in Sichtweite der SPD rücke. Konkret heißt das für ihn: Sie soll ein Investitionsprograinm liefern, das ganz unmittelbar Arbeitsplätze schafft; sie soll ein Moratorium für den Reaktorbau beschließen; sie soll sich auf eine Wachstumspolitik festlegen, die sich daran orientiert, was wachsen müsse; und sie soll rechtsstaatliche Gründpositionen- nicht aufgeben. Mit Drohgebärden, sagt Jansen beschwörend, dürfe Schmidt die „Partei nicht demütigen wollen oder inaktiv machen".

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