Die zwangsverordnete Kunst Barock in Böhmen

Ausstellung in Villa Hügel Von Gottfried Sello

Barock in Böhmen: man denkt an Prag, eine der schönsten Barockstädte nördlich der Alpen, an die Kleinseite mit ihren Palästen und Gärten, an die Kirchen der Dientzenhofers, an die Karlsbrücke mit ihrer Doppelallee von Heiligenfiguren, an die Statuen auf dem Klementinum, die sich als schwingende Silhouetten vor dem Himmel abzeichnen. Auch das eindrucksvollste Beispiel barocker Plastik, das Prag zu bieten hat, der Kampf zwischen Göttern und Giganten, der sich auf der Freitreppe von Schloß Troya abspielt, ist kein isoliertes plastisches Werk, ist ortsgebunden, Bestandteil eines architektonischen und landschaftlichen Ensembles. Dieser Prager oder böhmische Barock in seiner Totalität, als Milieu, als Klima, als Fluidum, das sich dem Stadtbild mitteilt, das die Jahrhunderte, auch die gesellschaftlichen Veränderungen ziemlich unbeschadet überstanden hat, läßt sich gewiß nicht in Kisten verpacken und nach Deutschland transportieren. Was man in der Villa Hügel, in ihren ausgesprochen nüchternen, barockem Oberschwang sich verweigernden Räumen zu sehen bekommt, ist ein auf einzelne künstlerische Disziplinen reduzierter Barock: Malerei und Zeichnung, Plastik und Kunsthandwerk in Böhmen zwischen der Mitte des 17 und dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Einzel werke werden präsentiert, herausgenommen aus einem größeren Zusammenhang, Altäre, die auch heute noch ihren Platz in der Kirche haben, werden als Kunstwerke, als Malerei vorgeführt. Mit mehr als 250 Exponaten aus den großen Prager Museen und vielen tschechoslowakischen Provinzmuseeen, aus Kirchen und Schlössern, ergänzt durch Leihgaben aus deutschen Sammlungen, ist die Essener Ausstellung die umfassendste Darbietung dieser böhmischen Kunstepoche, die es bisher in Deutschland gegeben hat.

Es ist eine bemerkenswert nüchterne Angelegenheit; gänzlich, ungeeignet, Atmosphäre oder Stimmung herzustellen. Statt dessen erhält man sachliche Informationen, die das emotional gefärbte Bild vom böhmischen Barock neutralisieren und in wesentlichen Punkten korrigieren. Es geht nicht um böhmischen Barock, vielmehr um „Barock in Böhmen", und das ist ein gravierender Unterschied, der allzu schwärmerische Vorstellungen von Böhmen als einer Landschaft des Barocks gründlich desillusioniert. Der Barock ist ein landfremder Kunst- und Lebensstil, er wurde dem Land zwangsverordnet, aus politischen und religiösen Interessen. Er stand im Dienst der Gegenreformation und einer brutalen Rekatholisierung des Landes, die >mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges einsetzte :

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Die Anfänge des Barocks, um 1650, treffen in ein totales künstlerisches Vakuum. Die letzte große Phase einer eigenständigen böhmischen Kunst, der Rudolfinische Manierismus, der die Stadt Prag zur lebendigsten Kunstmetropole Europas gemacht hat (und der schon längst eine eigene Ausstellung verdient hätte), ist spätestens 1612, mit dem Tod Rudolfs II zu Ende gegangen, ohne in der böhmischen Kunst irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Vergeblich sucht man nach etwas, das in die Barockmalerei mündet. Der Maler, der den Barock nadi Böhmen gebracht hat, der in Villa Hügel breit und ausführlich vorgestellt wird, ist Karl Skreta. Skreta wurde 1610 in Prag geboren, mußte 1628 als Protestant emigrieren und ist nach Italien gegangen. In Bologna, bei den Brüdern Carracci, hat er den neuen, für Europa verbindlichen Stil kennengelernt und sich angeeignet. Als er nach Prag zurückkehrt, ist er zum™ Katholizismus konvertiert, wie die meisten Künstler seiner und der folgenden Generation aus Überzeugung oder Pragmatismus. Jedenfalls war es die einzige Chance, Aufträge zu bekommen: Die vielen Kirchen, die im Züge der Gegenreformation gebaut wurden ; brauchten Altäre. Skretas große Altarbilder haben das Pathos der Bologneser Schule, in der „Himmelfahrt Mariae" erweist er sich als virtuoser Inszenator eines turbulenten Geschehens, Bewegung wird, in kunstvollen Spiralen nach oben geleitet in einen sich öffnenden Raum, wo Wolken und Engel durcheinanderwirbeln. Neben diesen offiziellen Auftragsbildern sieht man Zeichnungen, die seiner weithin eklektizistischen Malerei weit überlegen sind.

Skreta hat den Weg der böhmischen Malerei für Jahrzehnte vorgezeichnet. Seine Nachfolger waren dann damit beschäftigt, die jeweils neuesten Tendenzen des italienischen Hochbarocks ins heimische Milieu einzubringen. Erst mit Peter Johann Brandl kommt ein neuer, ein unverwechselbarer Ton in die böhmische Kunst. Brandl ist nie in Italien gewesener ist nicht auf Anregungen angewiesen. Er ist ein Dramatiker, der ohne Pathos und Rhetorik auskommt, der Bewegung glaubhaft macht, der auf unvergleichliche Weise mit dem Licht komponiert, der verschiedene Lichtquellen, brennentde Kerzen und einfallende Strahlen einsetzt, um :

die Figuren zu mobilisieren. Seine vier Altäre markieren den Höhepunkt der Ausstellung. Der einzige Künstler von vergleichbarem Rang ist ein Bildhauer, Ferdinand Maximilian Brokcrff. Was ihn mit Brandl verbindet, ist die unpathetische Haltung, die bei ihm allerdings im Gegensatz zu Brandl durch einen kraftvollen Realismus begleitet wird: Mit der Malerei von Brandl und der Skulptur von Brokoff kommt der schwierige Prozeß, einen fremden Stil zu adaptieren, zu einem erfolgreichen Ende. Erst in dieser Phase, zu Beginn des 18. Jahrhunderts, wird der importierte „Barock in Böhmen" zum böhmischen Barock (Essen, Villa Hügel bis zum. 3. Juli, Katalog 20 Mark)

 
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