Linksradikale Buback, Biermann und Che Guevara

Die zweite Generation der Apo formiert sieh - Angriffsziel: „Modell Deutsehland" Von Karl-Heinz Janßen

Der Sturm auf die Bastille fand nicht statt. Auf ein heißes Wochenende hatten die Hamburger Sicherheitsbehörden und Springers Welt getippt, weil verschiedene Linksgruppen zu einer Großveranstaltung in der ErnstMerck Halle aufgerufen hatten. Diese Halle auf dem Ausstellungsgelände hinterm Vergnügungspark Planten un Blomen liegt, muß man wissen, vis a -vis vom Untersuchungsgefängnis, wo die Hamburger ihre Terroristen gefangenhalten. Wollten etwa die kampferprobten Sturmbataillone von Brokdorf und Grohnde im Handstreich die „politischen Gefangenen" befreien? Die Gelegenheit schien günstig, da die Polizei durch den Hafengeburtstag voll beansprucht war. Bundesgrenzschutz wurde zur Verstärkung herbeigeholt. Doch die grünuniformierten Wächter, Maschinenpistolen unterm Arm, hatten bis tief in die Nacht einzig gegen die eigene Langeweile anzukämpfen. Die Veranstalter hatten anderes im Sinn. Ihre Daten fanden sie im Geschichtskalender: 7J8, Mai: „32. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus" (ins Alltagsdeutsch übersetzt: Tag der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches), 9. Mai: erster Todestag von Ulrike Meinhof. Der Zufall fügte es, daß an diesen Tagen in London die Führer der sieben großen Industrienationen des kapitalistischen Westens zusammentrafen. In Hamburg sollte nun, mit gleichfalls internationaler Besetzung, eine Art Antigipfel inszeniert werden, ein Protest gegen das von der SPD so hochgelobte „Modell Deutschland". Zugleich aber sollten die herbeizitierten „Volksmassen" per Akklamation die Idee absegnen, alsbald ein sogenanntes „Russell Tribunal über die Repression in der Bundesrepublik Deutschland" zu veranstalten.

Während sich achthunderttausend Menschen beim Hafengeburtstag vergnügten, strömten an die fünftausend junge Leute, die meisten zwischen 15 und 25, in die klassenkämpferisch aufgeputzte Halle. Manche mochten auch gekommen sein, um Wolf Biermann singen zu hören. Doch ernst war es ihnen allen mit ihrem politischen Engagement. Geduldig harrten sie viele Stunden auf harten Stühlen aus, einige auch im Schneidersitz auf kaltem Parkett.

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Den Spitzeln im Saale muß es schwergefallen sein, dieses Publikum, ein Spiegelbild ultralinker Zerrissenheit, richtig einzustufen. Dem Vorbereitungskomitee gehörten der (maoistische) Kommunistische Bund Nordan, aber auch das Sozialistische Büro (das sich seit Jahren um die Einigung aller Linken zwischen SPD und DKP bemüht), ferner Judos, Trotzkisten und viele „Spontis": Frauenzentren gegen § 218, Hilfskomitees für politische Gefangene, vereinigte „Schwule", Antifaschisten und wie sie alle heißen mögen. Offen zu erkennen waren die vielen Kernkraftgegner mit ihren Plaketten „Atomkraft? Nein, danke". Versteht sich, daß Jusos und DKP da nichts zu suchen hatten. Aber auch die maoistischen Parteien KPD, KPDML und KBW gingen auf Distanz; ihnen war dieser „Verein" zu friedlich. (Zur Einordnung der sogenannten K Gruppen siehe Seite 42: Josef Horchern, „Die Predigt der Gewalt" ) Ungeachtet der Querelen am Rande waren sich nahezu alle im Saale einig, daß sich die weltberühmte Bertrand Rtessell Peace Foundation um die Menschenrechte in Westdeutschland kümmern müsse. Dieses wohlmeinende, aber auch leicht zu manipulierende Gremium hatte seinerzeit Tribunale eingesetzt, die über die amerikanischen Kriegsverbreehen in Vietnam und die Folterungen in Lateinamerika richten sollten; es hatte verbale Schauprozesse veranstaltet, bei denen das Urteil im vorhinein feststand. Wenn die Bitte der 5000 Hamburger angenommen wird, sollen nicht nur die Folgen des Radikalenerlasses angeprangert werden (das Wort „Berufsverbote" ist bereits in die Sprachen unserer Nachbarländer eingegangen), sondern auch, alles andere, wogegen die Ultralinken seit Jahr und Tag Sturm laufen: „Gesinnungsschnüffelei und Bespitzelung", „systematische Verteufelung der Linken", die „Unvereinbarkeitsbeschlüsse des DGB", „immer brutaleres Auftreten der Polizei", „unmenschliche Isolationshaft", „die Erschwernisse der Abtreibung", „der Verteidigerausschluß", „Zensurparagraph 88 a".

Da wird in den kommenden Monaten vom Ausland her einiges auf unsere Republik zukommen. Geschickt schüren diese Systemkritiker links von den Eurokommunisten die Deutschenfurcht, die ihren Völkern seit dem Zweiten Weltkrieg in den Knochen steckt. Dank ihres Einflusses auf die akademische Jugend und der Publizität, die dem Russell Tribunal in den Massentnedien sicher ist, werden sich die ohnehin vorhandenen Ressentiments gegen eine deutsche Wirtschaftshegemonie vervielfachen.

Das Grußtelegramm des französischen Philosophen Jean Paul Sartre gab einen Vorgeschmack. Er sprach von der „Perspektive Polizeistaat", von Hexenjagd, Folter und Mord, von Atombombenproduktion in Brasilien und Südafrika und von der Arroganz des Helmut Schmidt. Der einstige Resistance Kämpfer Jean Pierre Vigier erntete gewaltigen Beifall für seinen Ausruf: „Wir wollen die deutschen Steckbriefe nicht auf allen Mauern Europas sehen!"

Am Geräuschpegel des Applauses ließ sich unschwer ablesen, was diese neue Generation der Apo, der außerparlamentarischen Opposition, motiviert. Am stärksten beklatscht wurde die Schlußrednerin, die 54jährige Berliner Schriftstellerin Ingeborg Drewitz. Sie schlug einen Bogen von der Jakobinerverfolgung bis Brokdorf, warnte davor, daß sich der Faschismus, als Antikommunismus getarnt, wiederum in unserer Gesellschaft einniste, und geißelte die „Verlogenheit der Routinedemokratie". Dieses Vokabular der Ohne mich Bewegung, der Anti Atomtodkampagne und der Studentenrevolte kommt immer noch bei vielen jungen Menschen an. Ihr Gerechtigkeitsgefühl bäumt sich gegen rechtsstaatlich abgesicherte Entscheidungen auf, als da sind Baugenehmigungen für Kernkraftwerke, Karlsruher Urteil zu § 218, Haftverschärfung für Stammheimer Häftlinge, Ausschluß von Verteidigern. Bereitwillig opferten sie ihren Obulus in den Kollekteneimer. Die Spenden waren bestimmt: erstens für die in Köln wegen Mordes angeklagten Linken Karl Heinz Roth und Roland Otto, zweitens für die internationale Untersuchungskommission über den Tod von Ulrike Meinhof, drittens für die Hamburger „politischen Gefangenen", damit die sich Zeitungen abonnieren könnten und Lebensmittel erhalten, die sie nach dem Hungerstreik dringend nötig hätten. Eingestimmt wurden die Spender durch das „Lied von den politischen Gefangenen", das der Politsänger Walter Moßmann vortrug: von Holger Meins, der „verreckt" sei, von dem schwerverwundeten Roth („Als Karl Heinz beinah krepiert wäre, hat der Anstaltsarzt nur gegrinst") und vom armen Schriftsteller Peter Paul Zahl in der Zelle (daß dieser einst Broschüren mit genauen Instruktionen für Sabotageakte und Tötung von Menschen vertrieb, verschwieg er).

Diese Solidarisierung bedeutet noch nicht, daß hier 5000 junge Menschen die Methoden und Akionen der Terroristen gebilligt hätten. An zwei Säulen prangte Zwar die Bekanntmachung des „Kommandos Ulrike Meinhof" über die „Hinrichtung" des Generalbundesanwalts Buback, doch niemand achtete darauf. Als freilich Wolf Biermann und der aus London angereiste Dichter Erich Fried sich vom Mord an Buback distanzierten, rührte sich auch kaum eine Hand. Biermann nannte das Karlsruher Attentat „ein Weihnachtsgeschenk zu Ostern für die Bourgeoisie und mahnte zur „unerbittlichen revolutionärer. Geduld, eine Kategorie, die der Genösse Lenin — in anderem Zusammenhang gebrauchte", ergänzte ein Zwischenrufer von der Galerie und brachte den Sänger für einen Moment aus dem Konzept.

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