Bücherverbrennung war der Anfang

„Am 10. Mai 1933 war ich seit Wochen ia einem KZ. Dort hörten wir von der Bücherverbrennung gar nichts. Erst im Sommer, nach meiner Entlassung erfuhr ich davon "

„Am 10. Mai 1933 war ich bereits in Wien. Die Nachricht von der Bücherverbrennung dürfte ich spätestens am frühen Vormittag des 11. Mai durch das Radio erfahren halben. Wie viele andere, hatte ich noch vor dem 28. Februar ganze Nächte damit verbracht, meine Bibliothek zu säubern: marxistische Bücher, die politischen Schriften kommunistischer oder ultralinker Autoren zu vernichten. Ich verbrannte oder zerriß sie, ließ sie durch die Wasserspülung des WC verschwinden oder ich warf sie in die Kanäle. Auch daher war meine erste Reaktion auf den organisierten Vattdalenakt weniger lebhaft als bei jenen, denen er als ein Symbol einer unfaßbaren Zerstörung, als die frechste aller Herausforderungen erschien. Ich wußte schon vorher, daß die Niedertracht der Diktatoren nicht nur destruktiv ist, sondern — jedenfalls in diesem Jahrhundert — exhibitionistisch.

Anzeige

Erst als ich später die Bilder dieses Autodafes sah und die Gesichter der Studenten eingehend betrachtete, die mit blödfen pathetischen Sprüchlein Bücher, die sie wahrscheinlich gar nicht gelesen hatten, dem Feuer „weihten" — erst da verspürte ich jene Erschütterung, die mit der für den KuKlux Klan charakteristischen Zeremonie nichts mehr zu tun hatte, sondern mit der unabweisbaren Gewißheit, daß kein Hemmnis mehr die Verführten vor den greulichsten Missetaten wird zurückschrecken lassen.

Die Verbrennung von Büchern war sachlich belanglos, eine erhabene Büberei für Philister. Aber daß deutsche Studenten sich ihrer im Namen des Geistes schuldig machten, erzeugte in jedem von uns ein Gefühl persönlicher Erniedrigung "

„Der 10. Mai 1933: ich sitze in meinem ersten Schweizer Asylort, Askona: in einem Bungalow Bernhard Meiers, Freund der lebengebliebenen Familie Gustav Landauers. B. M, wie er genannt wird, ein entschiedener Gegner des Naziregimes, politisch sowie als Jude, hat meiner Frau und mir sofort in den Räumen des Bungalows Obdach gegeben. Meine Frau, vor ein paar Tagen erst aus Berlin geflohen (ich mußte bereits vorher heimlich Deutschland verlassen), erzählt unserem Freund Walter Segal, Sohn des entarteten Malers Arthur Segal und Erbauer dieses schönen Holzhauses, von der gerade durchgemachten Haussuchung. Sie war bei einer illegalen Tätigkeit im Haus eines Genossen erwischt worden und in die eigene Wohnung zu einem ersten Verhör mitgenommen worden. Einzig zwei Bücher, berichtet sie, haben die Polizeigewaltigen mitgenommen mit der Bemerkung: Heute nur dies, aber wir werden wiederkommen; wenn wir noch mehr so was finden, dann Gnade Ihnen. Es waren Kurellas Mussolini ohne Maske und das Manuskriptbuch meiner gesamten Sturm Gedichte, die sie aus der Bibliothek herausgriffen. Ich hatte Jahre zuvor einen Teil jener so verlorengegangenen Gedichte in Herwarth Waldens Zeitschrift Der Sturm veröffentlicht. Sein Kunstsalon in der Potsdamer Straße, wo auch ich mein Debüt als Lyriker gehabt hatte, war der Brennpunkt der internationalen Moderne, in Malerei, aber auch in Dichtung, in Deutschland gewesen. Waiden war vor der Machtergreifung Hitlers in die UdSSR emigriert. Für das Naziregime war Der Sturm ein großer Herd der Entartung in Kunst und Poesie.

Erst am nächsten Tag, dem 11. Mai, erfahren wir durch die Schweizer Presse von der Bücherverbrennung des Regimes der absoluten Unmenschlichkeit, so auch die Namen der Autoren, deren Werke, nun verbrannt, verfemt, den Geist der Humanität, Vernunft und Ethos verkörperten. Ich fragte mich damals: Sind mit den formalistischen und progressiven Werken aus dem Sturm und seiner die europäische Kunst darstellenden und beeinflussenden Zeitschrift auch meine beiden konfiszierten Bücher in den Flammen auf- gegangen, oder hat ein Student, der die Feuer beschickte, meine Manuskripte heimlich für sich entwendet — 1950, zurückgekehrt nach. Berlin, fanden Schriftstellerfreunde in einem Antiquariat zwei Sturmhefte mit Gedichten meiner damaligen Produktion. Sie zuweilen in meinen Händen, taucht dann vor mir das Photobild aus jener Schweizer Zeitung auf: Flammen und Rauch und, Bündel Bücher in Händen, hastende Studenten, Hörige einzig der Macht "

„Am 10. Mai 1933, dem Tag der öffentlichen Bücherverbrennungen in Berlin, sowie vielen Haupt- und Universitätsstädten des Dritten Reiches, lebte ich im Exil in Paris, Hotel Helvetia, 23 rue de Tournon.

Service