„Hörspielpreis der Kriegsblinden" für Urs Widmer Das Lachen ist politisch geworden
Plädoyer für Spiel, Witz, Unfug, Phantasie Von Urs Widmer Meine Damen und Herren,
ich freue mich, daß ich den Hörspielpreis der Kriegsblinden bekommen habe und danke denen dafür, die ihn mir verliehen haben. Ich danke der Hörspielredaktion des Südwestfunks, die mich seit langem meinen Weg eines freiwillig unfreiwilligen Dilettantismus gehen läßt. Ich danke den technischen Mitarbeitern und den Schauspielern, vor allem dem kleinen Elvis Naber, dessen , rührende Interpretation dem Stück außerordentlich geholfen hat.
Ich möchte heute zu Ihnen über die Unterhaltung sprechen — Unterhaltung in der Kunst und, da wir ja wegen eines Hörspiels hier zusammen sind, Unterhaltung im Rundfunk. Da ich mich selber gern gut unterhalte, auch außerhalb der Kunst und des Rundfunks, bin ich manchmal ziemlich bedrückt, daß ich mir einen so großen Anteil meines Eigenbedarfs an Unterhaltung selber herstellen muß, weil die Welt, in der ich lebe, so wenig Freude, Zärtlichkeit und Witz bereithält. Für uns alle ist das Leben in der Bundesrepublik, deren Freiräume der Lust mehr und mehr aus Trimm dich Pfaden bestehen, gewiß nicht nur einfach. Mit der bedrängenden Abnahme der Zonen, in denen unkontrolliertes Spiel, Unfug, Blödsinn, begründungslose Phantasie möglieh wären, hängt es vielleicht zusammen, daß die gute Laune vieler, auch meine, zunehmend einen Beiklang von Verzweiflung hat, oder Wut, je nach Temperament.
Ich träume zuweilen einen naiven Kindertraum von einem Rundfunk, der so aussähe: er wäre ganz einfach eine Sendeanlage, mit deren Hilfe jeder Bewohner des Landes, wirklich jeder, die Möglichkeit hätte, das mitzuteilen, was er mitteilen möchte. Um Handgreiflichkeiten vor dem Mikrophon zu vermeiden, gäbe es Listen, in die man sich eintragen müßte. Niemand, wirklich niemand hätte ein Recht, irgendeine Sendung eines Rentners oder einer Hausfrau oder eines Dichters oder eines Politikers, mit welchem Argument auch immer, abzublocken, und jeden Morgen würde eine freundliche Frau den Artikel 5 des Grundgesetzes vorlesen, damit er tagsüber nicht vergessen wird: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt "
Sie wissen alle, daß die Rundfunkwirklichkeit eine andere ist. Einem CDU Wort muß ein SPDWort folgen. Mein wirklich freier Rundfunk ist wohl wirklich eine Utopie — der Rundfunk hat ja auch nicht den Auftrag, ein bundesweiter Hydepark oder Biertisch zu sein —, und ich ziehe ihm, wenn ich nicht träume, die Konstruktion" der Anstalten des öffentlichen Rechts, so wie wir sie haben, vor. Aber diese Anstalten des öffentlichön Rechts funktionieren nicht mehr so, wie ihre Konstruktion es vorsieht. Beispiele: Der Verwaltungsrat des Norddeutschen Rundfunks, dem auch der für den Polizeieinsatz in Brokdorf verantwortliche Innenminister angehört, fordert, daß ihm sämtliche im Hörfunk und Fernsehen des NDR gesendeten Beiträge zum Thema Brokdorf zur Überprüfung vorgelegt werden, und das geschieht auch. Ein Redakteur fordert beim Verfassungsschutz über einen Autor Informationen an, und er erhält sie auch. Ein Ministerpräsident schreibt einem Intendanten einen Brief, in dem er ihn zu einer zurückhaltenden Berichterstattung über Ereignisse auffordert, die noch gar nicht stattgefunden haben. Der Intendant des Westdeutschen Rundfunks will die Abteilung Kultur in den Abteilungen Information, Bildung und Unterhaltung verschwinden lassen. Im Saarländischen Rundfunk müssen Mitarbeiter das Handtuch werfen, obwohl sie in ihrem Konflikt sogar die Unterstützung ihres Programmdirektors finden. Und eben hat der Regierungssprecher Bölling die ARD und das ZDF gerügt, weil diese in ihren Nachrichtensendungen von der Pressekonferenz der Anwälte der Angeklagten von Stammheim berichtet hatten.
Der neugewählte Hörfunkdirektor des heute mitgefeierten Senders, des Südwestfunks, Alois Rummel, hat kürzlich, so wie ich es heute tun will, eine Rede über die" Unterhaltung im Rundfunk gehalten. Er sagt darin, daß der Hörer (er sagt nicht die Hörer, er sagt der Hörer, es gibt nur einen, oder alle sind sich gleich) tagsüber schon genug Ärger habe und abends nicht noch mit neuen Problemen belästigt werden sollte. Statt desseri soll „der Hörer" besser unterhalten werden. Ich zitiere aus Herrn Rummels Rede: „Es kann nicht vorrangig Zielsetzung von Redaktionen sein", sagt er da, „den Hörer durch Kritik, Skepsis und Ironie ständig darauf aufmerksam zu machen, was er wollen soll und was ihm durch Nichtaufklärung alles vorenthalten wird Und: „Es gibt zuwenig Schmunzelsendungen, zuwenig herzerfreuenden Witz, zuwenig Lebensweisheit aus dem Lebenselement des Humors. Keine Sentimentalitäten, aber oft mehr Häuslichkeit in einer unheilen Welt Und: „Ich werde für eirie produktive Bescheidung eintreten, das heißt, es müssen Kräfte freigesetzt werden, die dem Hörer mehr Information und Unterhaltung liefern. Dader berichtet aus Wyhl. Vico Torriani singt den Kommentar aus Bonn.
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige, sagt Voltaire, und er spricht mir aus dem Herzen. Leider ist mit dem Satz methodisch wenig anzufangen, denn für jeden von uns scheint etwas anderes langweilig zu sein. Herr Rummel, den ich deshalb so ausführlich zitiere, weil viele andere Programmverantwortliche so wie er zu denken scheinen, Herr Rummel will für und nicht auch, aber ich fürchte, wir meinen nicht dieselben Hörer. Ich- stelle mir meine Hörer erwachsen, neugierig und autonom vor. Ich kenne meine, Hörer ja auch, einige von ihnen, weil Hörer kein abstraktes Konstrukt sind, sondern Menschen wie Sie und ich. Wir sind gewiß nicht- alle gleich veranlagt und begabt, natürlich nicht, wir haben oft verschiedene Interessen, aber irgendwie wursteln wir uns nach Kräften durch.
Die Hörer meines Programmdirektors jedoch scheinen allesamt überhaupt nichts zu können und zu wollen, sie sind immer nur müde und wollen nur hören, was sie schon einmal gehört haben. Vielleicht gibt es solche Hörer, vielleicht gibt es sogar Gründe dafür, daß so viele Hörer — und das heißt: so viele Staatsbürger — so ungeübt im selbständigen Denken geblieben sind und jede Bestätigung ihres Weltbilds jedem Denkanstoß vorziehen. Gewiß jedoch hat der Hörfunkdirektor des Südwestfunks den Auftrag einer Rundfunkanstalt mißverstanden, wenn er sagt (ich zitiere): „Ein Hörfunkprogramm hat vor allem eine dienende, den Hörer zufriedenstellende Funktion " Diese Funktion hat eine Rundfunkanstalt eben nicht. Ihr Auftrag ist in den jeweiligen Staatsverträgen und den Satzungen festgehalten und zielt darauf hin, den Bürgern in einem demokratischen Staat eine autonome Meinungsbildung zu erlauben. Dieser Auftrag unterscheidet just die Rundfunkanstalten der Bundesrepublik von sogenannten hörerfreundlichen Sendern wie Radio Luxemburg. Es widerspricht diesem Auftrag, wenn man den unbedarftesten Hörer zur Norm erklärt und den ändern Hörern, die eine so kleine Minorität wohl auch nicht sein können, androht, ihre Höransprüche zu eliminieren. Der neue Fachausdruck der Branche hierzu heißt „Kippen" „Der Programmdirektor muß den Mut haben, Themen zu kippen" — so sagt es der Fernsehdirektor des SWF. Früher nannte man es Zensur.
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
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