Das Leben ein Traum an der Sonne

Es war in Berlin, 1964, bei einem Treffen lateinamerikanischer und deutscher Schriftsteller, an dem Asturias und Borges, in jenen Jahren Leitfiguren der lateinamerikanischen Literatur, teilnahmen. Mit ihnen waren die widerstreitenden Positionen der Literatur jenes Kontinents gegenwärtig: Borges — die Nähe zur Alma Mater Europa, ihrer Kultur und literarischen Tradition; Asturias — Engagement für eine autochthone, an der Wirklichkeit der Menschen und Völker in Lateinamerika orientierte realistische Literatur. Damals erzählte mir Berthold Spangenberg, seinerzeit Inhaber der Nymphenburger Verlagshandlung, von einem bedeutenden argentinischen Autor, dessen Werke er in Deutschland herausbringen wolle: Adolf o Bioy Casares. Damals wußte man, daß er 1914 geboren wurde, mit phantastischen Kriminalerzählungen debütiert hatte, engster Freund und literarischer Mitarbeiter von Borges war, mit dem zusammen er unter dem Pseudonym H. Bustos Domecq einen Kriminalroman verfaßt hatte und verheiratet war mit einer Schriftstellerin, von Reputation, Silvana Ocampo. Er sollte der Schöpfer eines Schlüsselwerks der Phantastischen Literatur dieses Jahrhunderts sein, des Romans „Morels Erfindung" (1940). Ein Vierteljahrhundert später — 1965 — erschien das Buch- auf dem deutschen Büchermarkt. Die Parabel von der „bedingten Unsterblichkeit", wie Helmut Heifienbüttel seine. Besprechung überschrieb, fand in der deutschen Presse so gut wie keine Resonanz. Dieses Schattenspiel mit einer Erfindung, die Leben wie in einem Film festhält und den festgehaltenen Lebensab- und ausschnitt bis in alle Ewigkeit zu wiederholen vermag, die Anspielungen auf die selige Insel Robinsons und auf die von Wells konstruierte Insel des fast namensgleichen Dr. Moreau wirkten offenbar eher befremdend als spannend.

Die Nymphenburger Verlägshandlung hatte 3000 Exemplare drucken lassen; verkauft wurden rund 1000 Stück. Erst 1971 setzte der Verlag die Ausgabe von Werken des Argentiniers mit dem 1969 erschienenen Roman Der Schweinekrieg" fort „Schweine" werden demnach inBuenos Aires die alten Leute genannt, gegen die mit Duldung der Regierung die Jugend mit (unausgesprochen) faschistischen Methoden zu Felde zieht und sie „umlegt". Das hört sich an wie ein Beitrag zum Generationskonflikt, wie eine argentinische Variante der weltweiten Studentenbewegung Ende der sechziger Jahre, ist aber ein Versuch über den unpolitischen, privaten Prozeß des Alterns. Nach den enttäuschenden Erfahrungen mit „Morels Erfindung" hatte der Verlag nur noch etwas über 2000 Exemplare aufgelegt. Er Everkaufte 600 Exemplare. Der Name Bioy Casares verschwand danach rasch aus dem Programm seines deutschen Verlags und 1 erschien auf jenem besonderen Treffen internationaler Gegenwartsautoren, das schon zu einer festen Einrichtung geworden ist, im Modernen Antiquariat, wo die Bücher verramscht werden.

Anzeige

Dies istdie nötige Vorgeschichte zu dem Wiederbelebungsversuch, den der Suhrkamp Verlag seit 1975 mit Bioy Casares unternimmt: „Morels Erfindung", der Roman „Schlaf in der Sonne" (1976), „Fluchtplan" (1977), der Roman „Der Traum der Helden" (Herbst 1977) und Wiederaufläge des „Schweinekriegs" (1978).

Laßt der eilige Nachschub von Titeln darauf schließen, daß die Bücher von Bioy Casares inzwischen gut verkäuflich geworden sind? Vor, „Morels Erfindung", in 3000 Exemplaren aufgelegt, waren bis Ende 1976 1700 Exemplare verkauft; von „Schlaf in der Sonne", mit nur 2000 Exemplaren aufgelegt, wurden bis Ende Februar 1500 Exemplare abgesetzt. Auch wenn „Fluchtplan" in einer Auflage von 7000 Exemplaren erschien, ist festzuhalten, daß das Engagement des lateinamerikanischen Lektorats bei Suhrkamp vorläufig noch größer ist als der wünschenswerte Publikumserfolg dieses Schriftstellers. Bioy Gasares hat einmal erklärt, daß es ihm niemals an Themen mangele, daß er „die Angst vor dem weißen Blatt Papier" nie gefühlt hat. Das Thema von — Adolfe. Bioy Casares: „Schlaf in der Sonne", Roman, aus dem Spanischen von Joachim A. Frank; Suhrkamp Verlag r Frankfurt, 1976; 222 Seiten, 24 — DM ist das Glück, im Sinne von Bioy Casares gesagt: das Bedürfnis des Menschen nach Glück und seine Fähigkeit, es sich auch nur als real einzubilden.

Der Autor tritt völlig hinter dem Berichterstatter Lucio Bordenave zurück, von Beruf Uhrmacher, wohnhaft in Buenos Aires und mit Diana verheiratet, deren schöner Körper Bordenave ebenso entzückt, wie ihre unschöne, unstete, mißlaunige Seele ihn bekümmert. Da er Diana liebt, läßt er sie gewähren, als sie sich partout einen Hund aus der Züchtung eines Malzkaffee trinkenden Deutschen wünscht. Weil er sie liebt, läßt er sich von Arzt und Hundezüchter überzeugen, daß Dianas Seele einer stationären Behandlung in einer psychiatrischen Klinik unterzogen werden müsse, damit sie von ihrer Unruhe befreit und das eheliche Glück desto größer werde. Als Diana wiederkommt, ist sie schön wie je, aber unterwürfig und lieb wie nie zuvor. Im Gespräch mit dem behandelnden Arzt stellt sich heraus, daß Dianas Seele abhanden gekommen ist: Sie wurde einer Jagdhündin eingepflanzt, die mit der unruhigen Seele aber geflüchtet ist. Deshalb hat man die Seele eines zum Sterben verurteilten jungen Mädchens, mit deren Einverständnis, in Dianens Körper verpflanzt. Als Bordenave, der seine unvergleichlich schöne Frau nur liebt, wie sie vordem gewesen ist — mit all ihren Launen, Betrügereien, Vorwürfen —, sie auch so wiederhaben will, was nicht mehr möglich ist, wird er ebenfalls interniert und seine Seele der neuen Diana angepaßt, so daß nun beide miteinander „unbedenklich" glücklich sein können. Derjenige, den Bordenave über diesen unerhörten Vorgang unterrichtete, hat das letzte Wort: „Die, ganze Angelegenheit erschien mir nicht nur verworren, sondern geradezu bedrohlich. Ich beschloß daher, sie für eine Weile zu vergessen "

Ein perfider Schluß, wenn es dem Autor alias Berichterstatter gelungen war, den Vorgang in der Tat auch für den Leser bedrohlich erscheinen zu lassen. In der verkürzten Wiedergabe des Inhalts enthält die Handlung alle Ingredienzien dazu, die bewußt dem Horrorfilm entlehnt sind, auf den Bioy Casares mehrmals anspielt. Aber der Roman ist zugleich weniger und mehr als ein Horrorfilm, und das Mehr ist verblüffenderweise seine Schwäche. Bioy Casares will nicht auf die dem Schauer Genre innewohnende Dämohisierung des Wissenschaftlers hinaus, sondern beschwört das bereits machbar gewordene Bild einer Gesellschaft, die dem Eingriff in die Sphäre der privaten Person wehrlos ausgesetzt ist — auch Bordenave kommt nicht einmal der informierte Freund zu Hilfe.

Daß es Bioy Casares niemals um die Wiedergabe der Wirklichkeit ; durch Literatur zu tun gewesen ist, beweist unter anderem seine literarische Herkunft von dem Kriminalroman, der in dem Maße gelungen ist, wie er schlüssig, nicht wie er wahrscheinlich ist. Nur ein solches, von der Realität bewußt absehendes Verständnis von Literatur erklärt diese für Bioy. Casares bezeichnende Rollen Prosa, die dem uneingeübten Leser einen fließend schreibenden Uhrmacher ebenso vorstellt wie in dem jetzt erschienenen Roman einen literarisch hochgebildeten Leutnant zur See und dessen Onkel und Vetter, die hier das Geschäft des. Schreibenden zu besorgen haben. Zu ihnen tritt am Ende obendrein der Gedichte schreibende Gouverneur Castel — Adolfo Bioy Casares: „Fhichtplan", Roman, aus dem Spanischen von Joachim A. Frank; st 378, SuhrKanip Verlag, Frankfurt, 1977; 136 Seiten, 5 — DM.

Service