Fernseh'Vorschau Das routinierte Nichts

Als Rudolf Noelte das Stück vor anderthalb Jahren an den Münchner Kammerspielen inszenierte (in Siegfried Trebitschs Übersetzung und unter dem Titel „Der Arzt am Scheideweg"), da waren die Reaktionen seltsam gespalten: In die Bewunderung für die Aufführung mischte sich Verdruß — Kummer darüber, daß Noelte seine Zeit und sein Genie an ein so vergilbtes Stück Theater wie die Komödie von Shaw vergeudet hatte.

Sieht man jetzt das Stück im Fernsehen wieder (in der neuen Übersetzung von Hans Günter Michelsen, unter dem Titel „Des Doktors Dilempia", in der Inszenierung von Rolf von Sydow), möchte man Noelte nachträglich für jeden kritischen Einwand um Vergebung bitten — mit jeder Minute dieser entsetzlich hausbackenen, ehrgeizlosen Fernsehveranstaltung denkt man heftiger und genauer an Noeltes Arbeit zurück, empfindet die Neueinstudierung als überflüssig mehr noch: als körperliche Qual. Dabei ist der Regisseur von ydow sicherlich ein solider Handwerker — kein subtiler wie Noelte, aber ein wackerer, immerhin. Denkfehler, Kunstfehler, Peinlichkeiten ließen sich der Aufführung nur mit Mühe nachweisen. Doch bald merkt man, daß dieses Fehlen von Irrtümern eine höchst banale Ursache hat: das völlige Fehlen von Eigenschaften. Ein paar Schauspieler („fernseherprobt" nennt man sie wohl) haben sich in einem Studio getroffen, sich flüchtig mit dem Stück bekannt gemacht und dann nur noch einen Ehrgeiz entwickelt: sich achtbar aus der Affäre zu liehen. Und da die Techniken, die geübte Schauspieler dabei entwickeln, sich ziemlich ähnlich sind, sehen sich nun auch alle Figuren pischen Menschenkunde, die Noelte mit Shaws Text betrieb, sieht man im Fernsehen eine alles gleichmachende, fade Gediegenheit. Statt Dialogen, die Menschen voneinander unterscheidbar machen, hört man einen alle Gefühle tötenden Synchronsprecher Tonfall. Und man kriegt die Wut darüber, wieder einmal, wie das Fernsehen mit dem Theater umgeht, indem es das Theater den Fernsehfachleuten ausliefert; Wut, weil die routinierte Unempfindlichkeit solcher Dutzendveranstaltungen schamlos, mindestens gedankenlos, auf die Wahrnehmungsroutine stumpf gewor; dener Dauerfernseher spekuliert.

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Karl Michael Vogler spielt den „Arzt am Scheideweg". Eine ziemlich extreme Figur: ein Mann, der seine wahrscheinlich letzte Liebesgeschichte erlebt und deshalb vor nichts zurückschreckt; der einen jungen Maler an der Tuberkulose sterben läßt, weil er (vergeblich) auf die schöne Witwe des Verstorbenen hofft. Vogler hat für diesen Menschen, den ein zerstörerisches Gefühl aus allen Skrupeln löst, nur die Mittel eines skrupulösen Charakter Boulevardiers zur Verfügung: Blasiertheit am Anfang, blasierte Melancholie später. Gerade an den „ausdrucksvollen" Stellen wird sein Gesicht merkwürdig ausdrucksarm, steinern. Andrea Jonasson als die schöne. Malersgattin führt ein sehenswertes Repertoire von heiteren und tragischen Affektiertheiten vor; den Zwiespalt, das Rätsel der Figur (von der man nie weiß, ob sie eine große Liebende ist, bis zumTode, oder nur eine clever ihre Chancen nutzende Person) verschwindet in schauspielerhafter Schauspielerei.

Eine Satire auf die Ärzte, auf ihr zynisches, selbstzufriedenes Fachidiotentum. Auch dieses Stück kommt bei Sydow nicht vor: zu fein für den bissigen Boulevard und zu feige für den Realismus zeigt die Inszenierung vor, was das Fernsehen gemeinhin vorzeigt, wenn es so tut, als spiele es Theater: das routinierte Nichts.

 
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