Propaganda für den Polizeistaat? Der Streit um die Krimi-Serie „Der Alte" Der Gendarm als Räuber
In Amerika kennt man das Problem schon lange: den Verdruß mit Fernsehkrimis, die der Spannung wegen überlebensgroße Superkommissare und entschieden illegale Polizeimethoden vorführen. Zwei Wissenschaftler der Universität Massachusetts, die Serien wie „Einsatz in Manhattan" und „Die Straßen von San Francisco" untersuchten, stellten fast jede Woche grobe Rechtsverletzungen fest: Diebstahl, Einbruch, Nötigung — die Cops als Kriminelle, immer nach dem Motto, daß der gute Zweck die Mittel heiligt. Die amerikanischen Wissenschaftler warnten vor der ständigen Berieselung der Zuschauer mit zackiger „Polizeistaattaktik" : „Wenn sie das dann nachher in natura erleben, fällt es ihnen wahrscheinlich genausowenig auf "
Im deutschen Fernsehen dominierten bislang die biederen Beamten, graue Mäuse wie der gemütvolle „Kommissar" Keller, der mittelständische Dressmatt „Derrick" und diyerse pensionsberechtigte „Tatort" Fahnder: keine Djangos im Streifenwagen, sondern Bürger in Uniform, das Grundgesetz und die Strafprozeßordnung allemal griffbereit — ein rechtsstaatliches Idyll, wie es in der Realität nicht immer vorkommt.
„Der Alte", neuer Krimi Star des ZDF, macht da nicht mit In der dritten Folge der Serie „Der Alte schlägt zweimal zu", präsentiert er sich als häßlicher „Bulle" eindeutig außerhalb der Legalität. Um einen Mörder zu überführen, arbeitet er mit einem gefälschten Tonband Geständnis, läßt einen seiner Mitarbeiter zwecks Ausforschung mit einer Zeugin ins Bett gehen, die obendrein, noch von der Polizei mit delikaten Schnappschüssen erpreßt wird.
Darf also sein, was eigentlich nicht sein darf? Der Bund Deutscher Kriminalbeamter und die Gewerkschaft der Polizei haben gegen diesen rabiaten „Alten" protestiert. Sie fühlen das Ansehen der deutschen Polizei geschädigt, denn mit solchen Mitteln werde nun einmal nicht gearbeitet „Das ist doch ein Spiel", hält der KrimiProduzent Helmut Ringelmann dagegen, der „Alte" sei eine Kunstfigur, man produziere schließlich keine Dokumentarfilme und die Beschwerden der echten Kriminaler gegen den fiktiven „Alten" seien ein „absolutes Mißverständnis".
Nur ein Spiel? Es geht um mehr als um die gekränkte Ehre unserer Kripo, deren Arbeit gewiß auch einer kritischen Darstellung bedarf. Doch selbst im Rahmen einer „reinen Unterhaltungssendung" erscheint die blauäugige Apologie krimineller Polizeimethoden zum höheren Ruhm der Republik nicht nur geschmacklos, sondern auch gefährlich. Gewiß, der „Alte", ist eine Kunstfigur, doch er agiert nicht im literarischen Niemandsland eines Sherlock Holmes oder Hercule Poirot, sondern mitten in der Bundesrepublik, in einer naturalistisch gezeigten Umgebung mit authentischen Polizeiwagen und Uniformen. Dieser knorrige Typ, der so bedenkenlos das Recht bricht, lädt ein zur Identifikation: Wo gehobelt wird, fallen Späne, so ist das eben, Hauptsache, die Bösen bleiben auf der Strecke. Angesichts der allgemeinen Terr oristenfurcht mag das eine populäre Botschaft sein, doch scheint sie geeignet, dem Polizeistaat mit Faustrecht und Selbstjustiz psychologisch den Weg zu 1 bahnen.
Mit der „künstlerischen Freiheit", auf die sich der Produzent Ringelmann beruft, hat das nichts zu tun. Wenn man schon einen wie den „Alten" auf den Bildschirm bringt, müßte man sich mindestens von seinen Methoden distanzieren, um sich von dem Verdacht zu befreien, hier werde ein starker Mann zur Exekution des Rechtsstaates aufgeboten: Der Gendarm als Räuber. Die ZEIT Leser Renate und HansDieter Aschenbach, Oberstudienräte in Norderstedt, geben in diesem Zusammenhang zu bedenken, „daß diese Sendung im benachbarten Ausland gesehen wird und dort äußerst unangenehme Erinnerungen an. Gestapo Methoden hervorrufen muß". Das österreichische Fernsehen hat sich bereits geweigert, die umstrittene Folge der ansonsten reichlich spannungslosen Serie zu senden, und das ZDF muß sich fragen lassen, wie ernst es seinen Programmauftrag nimmt.
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
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