Italienische KP Der lange Marsch
Vom Klassenkampf zum historischen Kompromiß Von Hans jakob Stehle
Wer gewohnt ist, seine Freund- und Feindbilder sorgsam zu konservieren, muß in arge Bedrängnis kommen, wenn er heute Italien und vor allem den italienischen Kommunismus betrachtet: Viele doktrinäre Schablonen und Begriffs Schubfächer wie sie von Kommunisten wie von Antikommunisten in Ost und West benutzt werden, scheinen hier nicht mehr so recht zu passen. In Verlegenheit geraten vor allem jene Marxisten, die meinen, die Wirklichkeit habe gefälligst ihrer Theorie zu entsprechen; wenn nicht, dann stimme es eben nicht mit der Realität, Solch kurzschlüssiges Denken befreit sich jedoch, sobald es den Olymp der „reinen Lehre" verläßt.
Alle drei Bücher, von denen hier die Rede ist, geben davon ein beachtliches Zeugnis. Auch deshalb, weil sie von der deutschen marxistischen Linken und eigentlich für deren Hausgebrauch gemacht worden sind, dennoch aber auch für Ungläubige" einen Informationswert besitzen: Sophie G. Alf: „Leitfaden Italien. Vom antifaschistischen Kampf zum historischen Kompromiß"; Rotbuch Verlag, Berlin 1977; 318 S , 14 — DM.
Eric J. HobsbawnGiorgio Napolitano: „Auf dem Weg zum historischen Kompromiß. Ein Gespräch über Entwicklung und Programmatik der KPI; Edition Suhrkamp 851, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1977; 151 S ; 6 — DM.
Rossana Rossanda, Lucio Magri u a : Der lange Marsch durch die Krise"; Edition Suhrkamp 823, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1976; 296 S, 9 — DM.
Der jungen, seit 1974 in Rom lebenden Soziologin Sophie Alf fiel es offensichtlich nicht leicht, aber es gelang ihr doch, die mitgebrachten Scheuklappen abzulegen und gleichwohl die „rote Brille" nicht zu verlieren. Sie entschuldigt sich bei ihren Lesern (und wohl auch beim Verlag, der die Personalien seiner Autorin verschweigt), daß sie „auf ein hohes Abstraktionsniveau verzichtet" — was auf nichts anderes als eine gewisse Bereitschaft hinausläuft, die Wirklichkeit Italiens in ihrer ganzen widersprüchlichen Vielfalt zur Kenntnis zu nehmen.
litischen Nachkriegsgeschichte Italiens gerät, so gründlich und kenntnisreich ist der Versuch angelegt, die Wirtschaftsentwicklung des Landes mit einer Fülle von Zahlen, Fakten und Vorgängen darzustellen und zu analysieren — von der Entstehung des hektischen italienischen „Wirtschaftswunders" (dank niedriger Löhne und Steuerflucht als „permanenter Selbstfinanzierungsquelle der industriellen Investition) bis zum Beginn der Krise Ende der sechziger Jahre, als den Gewerkschaften der Geduldsfaden reißt und die christdemokratische „Öffnung nach links die Sozialisten ins Spiel bringt. Sophie Alf nennt dies eine „reformistische Wende" urid wirft den Sozialisten Kapitulation vor dem Kapitalismus vor; sie erklärt deren Verhalten jedoch richtig auch mit der Sorge, „den Fortbestand der formalen Demokratie zu sichern".
Ein unwichtiges oder gar verachtenswertes Motiv? Sophie Alf scheint dessen nicht mehr so sicher zu sein wie die deutsche Ultralinke, aus der sie, kommt. Vor allem, weil inzwischen auch die italienische KP diesen Weg eingeschlagen hat und „zur stärksten, militantesten Kraft der Arbeiterklasse Westeuropas wurde nicht zuletzt vielleicht auch durch ihre Kompromißbereitschaft". Diese Stärke könne freilich zur Schwäche werden, meint die Autorin, irgendwann müsse die KPI doch Farbe bekennen. Sozusagen für oder gegen den Kapitalismus und sein „System".
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
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