Zum Tode von Ludwig Erhard Der Mann des deutschen Wunders

Seine Leistung und sein Irrtum / v<m Eugen Gerstenmaier

Als WjsstnscJmftler, nichtals Politiker habe er sieb in erster Linie verstanden, Umringt von einer großen ßratulantensdjar hat es Ludwig Erhard an seinem achtzigsten Geburtstag gesagt. Ich hörte es mit einiger Verwunderung. Hat er sieb damit selber mißverstanden?

Sicher: Ludwig Erhard wäre auch ein Hochschullehrer von beachtlicher wissenschaftlicher und pädagogischer Wirkung geworden. Aber die "Welt hätte von dem Gelehrten Ludwig Erhard vermutlich kein großes Aufhebens gemacht, und im eigenen Land wäre er eben einer unter vielen geblieben. Indessen weist Erhards spätes Wort auf einen Tatbestand, der so ausgeprägt nicht eben häufig ist ini politischen Leben. Ludwig Erhard ist in seiner Politik mit größter Beständigkeit einer von ihm zwar nicht erfundenen, von ihm aber maßgeblich ausgebildeten und im entscheidenden Augenblick von ihm nahezu allein verwirklichten Idee gefolgt.

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In einem Jahrhundert, in dem sich der einzelne halb oder ganz ohnmächtig in Massen und Massenbewegungen eingebunden findet, die sein Schicksal werden, ist Ludwig Erhard für einen strikten Personalismus auf das Kampffeld der Politik getreten. Der Abschnitt, auf dem er antrat, war die. Wirtschaft in ihrer gesellschaftlichpolitischen Beziehung im weitesten Sinn. Mit seiner Sozialen Marktwirtschaft und ihrem Ergebnis im freien Teil Deutschlands ist Erhard weltberühmt geworden. Per Begriff stammt von einem seiner nächsten Gesinnungsgenossen und Mitarbeiter, Alfred Müller Armack. Neben ihm und Erhard haben auch so bedeutende Wirtschaftsdenker wie Eucken, Franz Böhm, Wilhelm Roepke, Alexander Rüstow und andere auf die Durchbildung des Systems der sozialen Marktwirtschaft beträchtlichen Einfluß genommen. Das Gespräch mit diesen Zunftgenossen war Ludwig Erhard ein Bedürfnis. Er war ein kooperativer Mann. Ich habe nie gesehen, daß Eifersucht und Rivalität ihn heimgesucht hätten.

Aber wenn man auch die Bedeutung der wissenschaftlichen Arbeit für Erhards politisches Tun und Lassen kaum überschätzen kann, die Leitidee seines Wirkens, seines wissenschaftlichen und seines politischen Wirkens, ist nicht aus seiner Wissenschart geboren. Sie stammt aus den Ursprüngen seiner Person, seines Charakters und seiner Herkunft, In seinem wissenschaftlichen Denken hat er sie allerdings unentwegt reflektiert. Er hat sie auch konfrontiert anderen Ideen, politischen Vorstellungen und Gesellschaftsbildern.

Das Ergebnis war das Gegensatzpaar Personalismus — Kollektivismus. An ihm hat Erhard zeitlebens festgehalten. Es hat sein politisches Wirken bestimmt. Er ging auf jede Barrikade, wenn mächtige Zeitströmungen die Selbstveraptwortung des einzelnen bedrohten, wenn rigorose Kollektivgewalten den Freiheitsraum der Person zu reduzieren begannen oder im Namen des gesellschaftlichen Fortschritts den mündigen Bürger zu mediatisieren versuchten. Sein lebenslanger Widerstand gegen den Sozialismus in jeder Gestalt stammte aus dem Verdacht, daß dieser, gewollt oder ungewollt, zwangsläufig gerade darauf hinauslaufe. Im Sozialismus sah Ludwig Erhard nicht so sehr ein anderes, von ihm abgelehntes Wirtschaftskonzept als einen Anschlag auf den Personkern menschlichen Daseins in der Gestalt seiner Unterwerfung unter unpersönliche kollektive Gewalten in Staat und Gesellschaft.

Die bürgerlichen lugende. Fleiß, Rechtlichkeit, Freiheitlichkeit mitsamt dem Dag nach materieller Unabhängigkeit gaben dem jungen Erhard die Grundorientierung seines Lebens. In ihr wuchs ihm die Überzeugung u, daß jeder für sich selbst einzustehen habe. Dem jungen Erhard kam gar nicht in den Sinn, daß er für sei Werden und seine Existenz andere, den Staat" oder „die Gesellschaft" verantwortlich machen dürfs. Erhard hat uns keine „Jugendschriften hinterlassen, aus denen sich das belegen ließe Ich schließe es aus vielen Gesprächen in nahezu dreißig Jahren. Daß indessen auch sehoa der junge Erhard nicht nur die Selbstverantwortung für sich, sondern auch die Mitverantwortung für die Gemeinschaft, die ihn umfing, daß er soziale Verpflichtung gekannt und anerkannt hat, darf aus seinem Charakter und der Entschlossenheit gefolgert werden, mit der sich der Politiker und Staatsmann jedem Versuch widersetzte, aus seinem Bekenntnis zur Freiheit der Wirtschaft einen. Freibrief für die Gesetze des Dschungels zu machen. Er war kein Freund der großen Haifische. Sein Kampf für den Wettbewerb gegen die Monopole, für ein wirksames Kartellrecht, beweist, wie sehr er bemüht war, Eigengesetzlichkeiten des klassischen Kapitalismus zu zähmen, ja zu brechen, wo ihm dies nötig erschien, um dem eingeben, um der Person schlechthin die ihr zustehende Chance offenzuhalten. Erhards Personalismus war von anderer, humanerer Beschaffenheit als der abgezogene Individualismus einer schweifenden Libertät. Hier werden in Erhards Denken und Handeln am deutlichsten religiöse Elemente spürbar.

Daß sein wissenschaftliches Denken vermutlich immer auf die politische Verwirklichung gerichtet war, daß es ihn nicht befriedigte, seine Erkenntnisse zwischen einige Buchdeckel gebunden zu sehen und der geneigten Aufmerksamkeit seiner Schüler und Faehgenpssen zu überlassen, belegt schon sein Kontakt mit Karl Goerdeler. Vor einigen Jahren hat Theodor Eschenburg den Eindruck geschildert, den er von der Denkschrift gewonnen hatte, die Erhard noch mitten im Krieg zu Grundfragen der deutsehen Volkswirtschaft ausgearbeitet und an Goerdeler geschickt hatte. Die Schrift hätte ihren Verfasser vielleicht nicht ferade den Kopf, sicher aber die Freiheit geostet, wenn sie in die Hände der Machthaber gefallen wäre. Schon deshalb, weil sie von der Prämisse ausging, daß der Krieg verloren sei. Dazu gehörte damals immerhin Mut.

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