Des Königs Kommunisten

Als Franz Josef Strauß vorige Woche mit FrÄnkrekhs Gaullisten Chef Jacques Chirac speiste, soll er ihn aufgefordert haben: Unterstützen Sie doch um Himmels willen die Alianza Populär in Spanien, sonst droht auch dort noch ine Volksfrontregierung. Franz Josef Strauß ist nicht der einzige, der die Wahlen in Spanien vor allem unter dem Aspekt jener lateineuropäischen Linken sieht, die seit einiger Zeit über dem Hauptnenner „Eurokommunismus" zusammenaddiert wird.

Darum aber geht es in Spanien vorerst kaum. Zwar wüßte niemand auch nur einigermaßen genau vorauszusagen, wie die Wahlen am 15. Juni ausgehen werden, aber eine Volksfrontregierung fürchtet nicht einmal Manuel Fraga Ibarne, den Strauß unterstützt sehen möchte. Er war ein liberal wirkender Informationsminister unter Franco, dann ein mit größer Härte operierender Innenminister der kurzlebigen Anas Regierung nach Francos Tod; heute ist er Führer jener Alianza Populär, die sich von den großen Parteien am wenigsten weit vom „Francismus" entfernt hat, also die Rechte des spanischen Parteienspektrams abdeckt.

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Manuel Fraga hat manches mit Franz Josef Strauß gemeinsam: eine schier unverwüstliche Vitalität, eine zuweilen unheimliche Bereitschaft zum Risiko, persönlichen Charme, politische Intelligenz, die dauernd bedroht wird von einem explosiven Temperament. Mit einem der beiden zu reden, ist nie langweilig „Was also" — Frage an Senor Fraga —, „halten Sie von dieser drohenden Volksfrontregierung?

Seine Antwort: „Das hätten die wohl ganz gern. Gonzalez (der Sozialistenführer) würde sich sicher nicht scheuen, mit den Kommunisten zusammenzugehen. Und Carrillo wäre natürlich selig, an die Regierung zu kommen. Nur kann man wirklich schwer sehen, wie Sozialisten und Kommunisten zusammen mehr als eia Drittel dsr Stimmen in Spanien für sich gewinnen wollen " Carrillos Kommunisten sind von den etwa 200 Parteien die sich mit Erfolg um offizielle Anerkennung beworben haben, sicher die am besten organisierte. Aber Santiago Carrijlo ist weder ein Berlinguer noch in Marcnais: Er kann nicht warten. Um jetzt wählbar zuwerden, schien er zu beinahe jedem Kompromiß bereit, akzeptierte er die Fahne und den König und die Armee und die Amerikaner. In milde zynischen Kreisen der bürgerlichen Intelligenz spottet man (das Fußballkennern, also allen Spaniern bekannte Modell Real Madrid" vor Augen) über „el Real Partido Comunista" - die königlich kommunistische Partei, Einige Genossen spüren d_iesen Stachel seit langem und haben massenweise sozialistisch tnaolstisdj anarchistisdie Parteien links von der Carrillo Linie gegründet, von denen einige sogar anerkannt worden sind, von denen jedoch keine Aussichten hat, die in Spanien auf drei Prozent der Stimmen gelegte Hürde zu überspringen. Wie überhaupt die bekannten linken Zersplitterungstendenzen die sozialistischen Parteien am Ende leicht schwächer erscheinen lassen dürften, als sie sind. Machiavellistische Taktiker meinen sogar, das sei bewußt von der Regierung so gefädelt worden, die alle möglichen Sozialisten ermutigt habe, eigene Parteien zu gründen. Massenweise Parteineugründungen gab es freilich nicht nur auf dem linken Flügel, sondern auch auf dem rechten und in der Mitte, die seit der großen Fernsehrede des Ministerpräsidenten als „Regierungspartei" zu gelten hat. Mit dieser Rede, in der Adolfo Suarez öffentlich erklärte, daß er ein Kandidat des „Centro Democrätico" genannten Parteienverbundes sei, begann am 3. Mai inoffiziell der spanische Wahlkampf, der ursprünglich auf drei Wochen hatte beschränkt werden sollen.

Mehr und mehr schließen sich jetzt die fast zweihundert Parteien und Parteichen zusammen zu Föderationen und Koalitionen, manche nur für die Wahl, manche auch darüber hinaus gedacht. Dadurch wird die Lage etwas überschaubarer. Es wird eine wilde Rechte geben und eine wilde Linke; und keine von beiden wird mit dem Ausgang der Wahlen viel zu tun haben. Bleiben als ernst zu nehmende Rivalen (dahinter in Klammern die Prözentzahlen, die sich aus dem Querschnitt einer ZEIT Befragung der Parteiführer ergeben): die Kommunisten Carrillos (9 Prozent), die Sozialisten Gonzales (PSOE — 20 Prozent), die Sozialisten Tierno Galvans (PSP — 3 Prozent); das Zentrum des Regierungschefs (35 Prozent), andere Zentrumsparteien (5 Prozent); Manuel Fragas Alianza Populär (28 Prozent).

Auch die Parteiführer freilich tappen einigermaßen im dunkeln, wenn man sie fragt: Was geschieht auf dem Lande? Und: Welchen Einfluß werden die, spanischen „Nationen" haben — Katalonien, das Baskenland und Galicien? Katalonien zum Beispiel, das wählerreiche Industriegebiet um Barcelona, ist so wichtig wie das Baskenland, das fast ebenso wählerreiche Industriegebiet um Bilbao.

Erster Mann in Katalonien ist der ehemalige Medizinstudent und nachmalige Bankier Jordi Pujol; „ein Großbürger" sagen die Genossen der konsequenten Linken; „ein Mann der linken Mitte", sagt er selber, der wahrhaftig eher wirkt wie ein jugendbewegter Professor als wie ein „Kapitalist"; ein Katalane", sagen die Leute in Barcelona, denn er hat um der katalanischen Sache willen unter Franco fast drei Jahre im Gefängnis gesessen. Jordi Pujol macht sich große Sorgen, daß der Versuch des Ministerpräsidenten, das spanische Zentrumsbündnis nach Katalonien auszuweiten (und wenn er „spanisch" sagt, meint er Katalonien nie mit), die beiden katalonischen Zentrumsparteien, die ja- selber versuchsweise Unionen einander widerstrebender Interessen sind, auf eine harte Zerreißprobe stellen könnte. . Es ist daher ganz unklar, wie die RegionalJnteressen Kataloniens, Galiciens und des Baskenlandes das Wahlergebnis beeinflussen werden. Und ebenso unklar ist, was in den andalusischen Dörfern, was auf den Inseln passiert. Die einen sagen, von der Distanz zu Madrid und seinen politischen Feinheiten werden die Kommunisten, die anderen sagen, davon werde die Alianza Populär profitieren. Unzweideutig ist nur, daß eine allgemeine Erscheinung dieser gerade erst im Entstehen begriffenen Demokratie um so mehr gilt, je weiter man sich von Madrid entfernt: Es werden Personen gewählt, nicht Programme, Eine Prognose? Stärkste Partei wird wohl das Zentrum, zu dem sich der Regierungschef bekannt hat; denn die Stimme des Regierungschefs (hinter dem der König steht) wiegt schwer in einem Land, das fast vierzig Jahre lang kaum andere Stimmen gehört hat. Da die Regierungspartei eine absolute Mehrheit vermutlich trotzdem nicht erreichen kann, stellt sich dann die entscheidende Frage: Koalition mit der Rechten (was einfacher wäre) oder mit der Linken (was mehr soziale Stabilität verspräche)?

 
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