Die Anarchisten von Brescia
Die Stahl -Anarchisten von Brescia: So nennt man im KJ ollegenkreis der italienischen Unternehmer die achtzig Armiereisenhersteller aus den Bergen westlich vom Gardasee. Als harte Individualisten und Selfmademen eines katholischen Puritanertums häbea die „Tondinari", wie die Baustahlhersteller auch nach ihrem Hauptprodukt; dem „Tondino", genannt werden, ihre Fabriken vor allem in den letzten Jahrzehnten aufgebaut — und die großen Stahlkonzerne Europas das Fürchten gelehrt.
Ihr Geheimnis: kleine Schmelzöfen, billiger Schrott. Böse Zungen behaupten auch, daß außerdem bei manchen „Tondiriari" das Verhältnis zu den Steuerbehörden sehr leger ist. Bei den Banken stehen sie fast alle tief in der Kreide. Den Ruf als Anarchisten haben sie sich erworben, weil viele von ihnen sich auch die Beiträge zum Unternehmerverband verkneifen: Diese Organisation halten sie für überflüssig.
Für überflüssig hielten es auch alle 48 der von den EG Behörden angeschriebenen Firmen aus Brescia, sich zu den Fragen aus Brüssel über ein Stahl Krisenprogrampi zu äußern. Nicht eine einzige Antwort und nicht ein Vorschlag sei von diesen Herstellern gekommen, die immerhin 85 Prozent der italienischen Armiereisenproduktion kontrollieren, bedauert Etienne Davignpn, der in der EG Kommission für die Stahlpolitik der Neun verantwortlich ist.
Brüssel hat schon seit langem Ärger mit den Anarchisten aus Brescia. Denn dort respektierte man die seit dem 1. Januar geltende „freiwillige Selbstbeschränkung der Produktion nicht. Durch diese Selbstauflagen sollte ein ruinöser Wettbe werb der Branche vermieden werden. Aber die „Toadinari" produzierten weiter, was die Öfen hergaben. Einige senkten sogar noch die ohnehin jede europäische Konkurrenz unterlaufenden Preise um bis z zwanzig Prozent.
Da die Brescianer 35 Prozent der gesamten europäischen Produktion an Armiereisen bestreiten, gab es erhebliche Unruhe am Markt. Italienischer Baustahl, so klagten die Hersteller von Marseille bis Sheffield, sei um dreißig Prozent billiger als die übrige europäische Produktion, Nur Spanier, Japaner und Osthandelsstaaten lieferten noch billiger.
Inzwischen hat die Brüsseler Kommission den Krisenzustand der Branche erklärt und ab 9. Mai einen Mindestpreis von 198 000 Lire je Tonne Armiereisen festgelegt „Zuwenig und zu spät", wehrte sich nach Darstellung der italienischen Presse die römische Regierung gegen diese Maßnahme. Das sei allerdings auch verständlich: Die Anarchisten aus Brescia hätten auf keinerlei Lobby in Brüssel zählen können. Als einziger Verbündeter der Unternehmer aus der katholischen Hochburg Brescia trat zunächst nur der Sozialist und EG Regionalkommissar Antonio Giolitti auf. Schließlich bezog ganz zum Schluß auch noch der Verband der italienischen Bauunternehmer Abwehrstellung, weil er die äußerst günstigen Preise schwinden sah.
Nun sitzen die „Tondinari" in der Zwickmühle. Höhere Preise sehen sie natürlich nicht ungern. Bei einer Konjunkturbelebung trauen sie sich zu, ihr Produkt auch zu höheren Preisen überall abzusetzen. Aber weder in Hamburg noch in Mailand wird zur Zeit viel gebaut. Wer verkaufen will, muß also mit niedrigeren Preisen locken. Und verkaufen müssen die Stahlkocher von Brescia. Vermindern läßt sich, ihre Produktion schon deshalb nicht, weil die Gewerkschaft es verbietet. Etliche fanden einen Ausweg: Italienischer Baustahl wandert bis Saudi Arabien. Doch auch der Export in Drittländer und der Import aus Drittländern nach Europa hat seine Tücken. Denn wenn ein Unternehmer aus Brescia nunmehr die japanische Konkurrenz im Vorderen Orient unterbietet, in Europa aber teurer verkaufen muß, weil Brüssel dies im Interesse der teurer produzierenden Stahlkonz_erne so will, kann leicht der Dumping Vorwurf erhoben werden. Umgekehrt werden Niedrigpreisimporte in europäische Länder aus Japan oder Osthandelsländern nicht verhindert „Die Festsetzung eipes Mindestpreises für Armiereisen kann ein marktberuhigender Faktor sein", erklärt deshalb der Unternehmerverband Breseia in einer Stellungnahme, aber „die Maßnahme wäre nicht nur nutzlos, sondern geradezu schädlich, wenn nicht auch konkrete Maßnahmen zum Schutz der europäischen Armiereisenhersteller gegenüber Importenaus Drittländern ergriffen werden "
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
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