Einkommensnolitik in Großbritannien Die Basis wird rebellisch
Die Chancen für einen neuen Sozialvertrag sind gering Von Wilfried Kratz
Großbritannien sieht sich einer Schwierigkeit gegenüber, die, die Weltraumfahrer, als „Re Entry" Problem kennen: Nach einem zweijährigen Ausflug in die dünne Luft der starren Lohnkontrollen will das Land jetzt wieder in die dichte Atmosphäre flexibler Lohnerhöhungen eintauchen. Die Gefahr dabei ist, daß bei einem falschen Anflugwinkel der geheiligte, von Gewerkschaften und Laböurregierung vereinbarte „Sozialvertrag" verglühen kann — und mit ihm auch die Regierung.
Die britische Strategie zur Bekämpfung der Inflation und zur Wiedergewinnung finanzieller Stabilität stützt sich natürlich nicht allein auf die Lohnpolitik. Daneben will die Regierung den Pfundkurs ungefähr auf dem jetzigen Niveau von 1 72 Dollar halten und weiterhin eine straffe Geldpolitik betreiben.
Aber in der öffentlichen Debatte dreht sich alles um die Löhne. Das Ringen um die sogenannte „dritte Phase" wird mit einer Leidenschaft geführt, als ob von einem neuen LohnPakt das Wohl und Wehe der ganzen Nation abhinge. Die, Regierung hat sich hier in einen Erfolgszwang manövriert. Sie hat die überragende Bedeutung einer nationalen Lohnvereinbarung mit den Gewerkschaften so sehr betont, daß sie kaum noch Überlebenschancen hat, wenn sie am Ende der Verhandlungen nicht das begehrte Papier vorzeigen kann.
Noch ist keineswegs sicher, daß es dazu kommen wird. Die Opposition im Gewerkschaftslager ist beträchtlich, größer jedenfalls, als beim Aushandeln der beiden vorangegangenen Phasen der Lohnkontrollen. Selbst Gewerkschaftsführer wie der Transportarbeiter Boß Jack Jones, die aus wirtschaftspolitischer Einsicht noch einmal mitspielen würden, zögern, weil sie eine Revolte ihrer Mitglieder befürchten. Die zahlreichen wilden Streiks der letzten Wochen zeigen, wie ge , ring oft der Einfluß des Gewerkschaf Establishments auf die Basis ist. Die Funktionäre wollen sich daher nicht festlegen, bevor die Kongresse großer Gewerkschaften in den nächsten Wochen getagt haben.
Die Regierung ist entschlossen, den Gewerkschaften noch ein drittes Mal eine Vereinbarung zur Begrenzung des Lohnzuwachses abzupressen. Premierminister Callaghan hat sein Kabinett für eine Kampagne zur Bewahrung des Sozialvertrags mobilisiert. Er selbst begab sich ins Feuer, als er den walisischen Gewerkschaftskongreß an seine soziale Verantwortung gegenüber den Mitgliedern mit schwächerer industrieller Muskelkraft erinnerte, die bei einer sofortigen Rückkehr zur unumschränkten Tariffreiheit unter die Räder geraten würden.
Schatzkanzler Denis Heäley lockte die Delegierten der Gewerkschaft Handel niit dem Versprechen, daß die Belohnung für zwei Jahre Lohnopfer zum Greifen nahe sei. Die Früchte der Entbehrungen dürften nun so kurz vor dem Erfolg nicht aufs Spiel gesetzt werden. Zum erstenmal lüftete Heäley ein wenig den Schleier des Geheimnisses d gab Überlegungen zum besten, die über Phase drei im Schatzamt angestellt, werden.
Der Zuwachs der Durchschnittsverdienste dürfe nur eine einstellige Ziffer sein, sagte er. Denn darauf baue sich die Zielprojektion auf, die Inflationsrate (jetzt knapp 17 Prozent) am Jahresende auf 13 Prozent und im zweiten Quartal nächsten Jahres auf knapp zehn Prozent zu senken. Nimmt man die „einstellige Ziffer" mit knapp unter zehn Prozent an, dann dürften die Lohnsätze um vielleicht vier bis fünf Prozent steigen, denn erfahrungsgemäß wird die Tariflohnerhöhung durch Überstunden, Zuschläge verschiedener Art und Einkommensverbesserung durch Stellungswechsel etwa verdoppelt.
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
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