Die stille Kumpanei

Was Unternehmer mit Arbeitslosen erleben und falsch machen Von Heinz Blüthmann

Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. An diese Maxime muß sich der Gewerkschafter Günter Friedrichs, Abteilungsleiter bei der IG Metall, erinnert haben, als er sich kürzlich um die Arbeitslosen hierzulande sorgte. Sein Vorschlag zur Lösung des deutschen Wirtschaftsproblems Nummer eins ist denn auch vor allem unkonventionell: Der IG Metaller nämlich will dem Kanzler ans Portemonnaie, aber nicht nur ihm.

Denn Helmut Schmidt, auch seine Minister, die Mitglieder des Bundesbankrates und ebenso die „Fünf Weisen", so meint der Gewerkschaftsfunktionär, denken bei ihrer Wirtschaftspolitik zu wenig an die Arbeitslosen. Und um sie „beschäftigungsbewußter zu machen, will Friedrichs die Bezüge der Politiker und Wirtschaftsexperten auf das Niveau der Arbeitsamt Tarife gekürzt wissen — solange, bis sich die Lage am Arbeitsmarkt normalisiert habe.

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Der skurrile Vorschlag zur Motivation der obersten deutschen Konjunkturlenker erscheint dem Gewerkschafter Friedrichs gerade angemessen, um auf das ungewöhnliche Ausmaß der gegenwärtigen Arbeitsmarktmisere aufmerksam zu machen und Versäumnisse der Politiker zu geißeln. Denn die Krise sei weit gefährlicher, als die registrierte runde Arbeitslosen Million auch nur ahnen lasse; tatsächlich müßten, so hat die IG Metall ausgerechnet, nicht weniger als drei Millionen zusätzliche Arbeitsplätze in diesem Jahr her, um wieder Vollbeschäftigung zu erreichen; davon allein 1 2 Millionen als Ausgleich für wegrationalisierte Jobs, 180 000 für den heranwachsenden geburtenstarken Jugend Jahrgang und mehr als 600 000 zur Aktivierung der sogenannten „stillen Reserve", jenen Arbeitskräften, die mangels Ansprüchen an den Sozialstaat nirgends als unbeschäftigt registriert sind.

Aber das Ungewöhnlichste an der derzeitigen Arbeitsmarkt Situation ist den Gewerkschaftern bei ihrer eifrigen Rechnerei, so scheint es jedenfalls, entgangen: die Lücke zwischen Statistik und Realität. Denn für die Hunderttausende oder gar Millionen neuer Arbeitsplätze, die sie so beredt von den Politikern unter Einsatz von Steuergeldern fordern, wären schwerlich Arbeitskräfte ungleicher Anzahl aufzutreiben. Das jedenfalls ist die Erfahrung deutscher Personalchefs: Zwar rechnet die Nürnberger Bundesanstalt in ihrer Statistik vor, daß es in der Bundesrepublik viermal mehr Arbeitslose als unbesetzte Stellen gibt, doch wenn Unternehmen Kräfte — und nicht nur Fachkräfte — über das Arbeitsamt suchen, gibt es mehr Fehlanzeigen als Einstellungen.

„An der Aufnahme einer Tätigkeit waren offensichtlich zirka 25 Prozent der zugewiesenen Arbeitslosen nicht interessiert", lautet etwa die Quintessenz aus einer Stichprobe bei achtzehn Großfirmen verschiedener Branchen mit über 100000 Beschäftigten im September 1976. Die Unternehmen, die zusammen rund 1400 Arbeitsplätze besetzen wollten — zu 70 Prozent mit Ungelernten —, konnten lediglich 200 Kräfte einstellen, ein Fünftel davon nahm jedoch die Arbeit gar nicht erst auf oder schied in kürzester Frist wieder aus.

Daß solche deprimierenden Ergebnisse keine Einzelerscheinungen sind, belegt eine Fallsammlung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), die auch das Bonner Bundesarbeitsministerium mit angeregt hatte. „Um zu vermeiden, daß mit der Untersuchung eine pauschale Diskriminierung aller Arbeitslosen verbunden wird", so BDA Sprecher Will Riesenberg, sahen die Arbeitgeber allerdings von einer Veröffentlichung bisher ab. Sie fürchten offenbar eine harte Reaktion der Gewerkschaften.

Doch die gab es auch so. Der stellvertretende DGB Vorsitzende Gerd Muhr: „Es ist eine Unverschämtheit", polterte er, wenn von bestimmten Personen und Kreisen in unserer Gesellschaft so getan wird, als bestünde die Masse der Arbeitslosen aus lauter Drückebergern Daß es Abstauber gibt auf Kosten des Arbeitsamtes in „Einzelfällen, die wir nicht bestreiten und beschönigen wollen", räumt Muhr zwar ein, doch läßt er konkrete Erkenntnisse nicht gerade erahnen, wenn er feststellt: „Die Zahl der Arbeitsunwilligea ist so niedrig, daß sie nicht in Relation zur Gesamtarbeitslosigkeit gebracht werden kann " Die Beispiele aus der BDA Sammlung, die noch von keiner Seite bezweifelt wurden, sprechen da eine ganz andere Sprache. So berichtet ein Unternehmen in Niedersachsen, das hauptsächlich Maschinenhelfer, aber auch Transportund Versandleiter, Monteure, Kfz Schlosser und Labormonteure suchte und innerhalb von fünf Monaten 700 Einstellungsgespräche führte, über die „Bewerber", die fast alle vom örtlichen Arbeitsamt mit über 15 000 Arbeitslosen geschickt waren: „Siebzig bis 75 Prozent ließen trotz gegenteiliger Beteuerungen aus ihrem Verhalten schließen, daß sie an einer Arbeitsaufnahme bei uns nicht interessiert waren "

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