Darwins Lehre und die Gonokokken Die Waffe ist stumpf geworden
Aus Asien kommt ein resistenter Tripperbazillus Von Tilman Neudecker
Kenner der Situation hatten es schon lange prophezeit. Unter Eingeweihten galt es ohnehin als unausweichlich. Dennoch kam die Hiobsbotschaft auch für Experten früher als erwartet — und befürchtet: Im weltweiten Kampf gegen die Gonorrhö droht die seit Jahrzehnten bewährte „Wunderwaffe" Penicillin stumpf zu werden.
Schon die ersten alarmierenden Meldungen aus den Philippinen, den USA und aus England — sie tauchten Anfang vergangenen Jahres auf — ließen keinen Zweifel: Penicillinresistente Stämme der Gonokokken Art Neisseria gonorrhoeae, Erreger der inzwischen häufigsten bakteriellen Infektionskrankheit des Menschen, sind langsam, aber sicher auf dem Vormarsch. Jüngsten Recherchen zufolge sind resistente Gonokokken inzwischen auch in Hongkong, Singapur, Japan, Korea, Neuseeland und Australien nachgewiesen. Im Westen sind Kanada und Norwegen neu auf der schwarzen Liste. Nur Afrika und Südamerika, so scheint es, blieben bislang von der neuen Erregergeneration verschont. Freilich ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann ihre Verbreitung im Gefolge internationaler und interkontinentaler Promiskuität wirklich weltweit sein wird. Auch bundesdeutsche Ärzte, dies läßt sich schon jetzt absehen, werden venerische Mitbringsel erlebnishungriger Südostäsien Urlauber nicht mehr wie lange üblich mit der allheilenden Penicillinspritze therapieren können - Nun ist penicillinresistente Gonorrhö kein völlig neues Phänomen, Seit etwa zwanzig Jahren haben die Mediziner mit dem Problem zu kämpfen, daß zur sicheren Heilung der meist verbreiteten Geschlechtskrankheit immer höhere Dosierungen an Penicillin nötig wurden. Noch Ende der fünfziger Jahre genügten für diesen Zweck 200 000 Einheiten des Antibiotikums. Heute, zwanzig Jähre später, benötigt man dazu mehr als zwanzigmal soviel. Neu und beunruhigend an der jetzigen Situation ist allerdings, daß nun erstmals Gonokokken aufgetaucht sind, denen keine, auch keine noch so hohe Penicillindosis etwas anzuhaben vermag.
Manche Experten vermuten, daß vor allem philippinische Freudenmädchen und ihre Kunden von den amerikanischen Luftwaffen- und Flottenstützpunkten in der Nähe von Manila an, dieser mißlichen Entwicklung nicht ganz unschuldig sind. Um sich „sauber" zu halten, ist es unter Prostituierten der philippinischen Hauptstadt angeblich üblich, prophylaktisch niedrige Dosen von Antibiotika zu konsumieren. Durch solch einen Dauergebrauch in relativ niedriger Konzentration, so mutmaßt indessen der Mikrobiolpge ton, wird eine biologisch ideale Situation für die Züchtung resistenter Mikroorganismen geschaffen: Zwar werden empfindliche Stämme auf diese Weise unter Kontrolle gehalten; solche aber, die aus irgendwelchen Gründen resistent sind, wachsen bevorzugt, gemäß der auch für Gonokokken zutreffenden Darwinschen These vom Daß der erste Fall einer penicillinresistenten Gonorrhö in den Vereinigten, Staaten im Februar vergangenen Jahres bei einem Angehörigen der US Navy auftrat, der gerade von den Philippinen rückbeordert war, scheint diese Vermutung zu bestätigen. Fraglich erscheint allerdings der praktische Nutzeffekt einer solchen Erkenntnis. Nur zehn Monate später waren nämlich bei den amerikanischen Gesundheitsbehörden bereits 41 Fälle penicillinresistenter Gonorrhö aktenkundig geworden. Und niemand weiß derzeit, wie es weitergehen wird.
Weniger hilflos hingegen war man bei der Suche nach den molekularbiologischen Ursachen für die plötzlich totale Resistenz des neuartigen Erregertyps. Nähere biochemische Untersuchungen dieser Keime im Vergleich mit herkömmlichen, empfindlichen Erregern bestätigten experimentell, was als theoretische Befürchtung bereits seit längerem zur Diskussion stand: Früher oder später würden sich auch Gonokokken jenes raffinierten genetischen Tricks bedienen, mit dessen Hilfe sich, sehr zum Kummer der Mediziner, schon viele andere Krankheitserreger quasi aus dem Schußfeld ehemals hochwirksamer Antibiotika lavierten, ja sogar zum Gegenangriff überzugehen lernten.
Die Überlebensstrategie penicillintraktierter Mikroorganismen funktioniert ebenso praktisch wie effektiv. Sie produzieren ein Enzym, PeniMoleküle gewissermaßen wie eine molekulare Spezialschere einfach, aufzuschneiden, abzubauen und somit unwirksam zu machen vermag. Einmal im Besitz solcher Spezialscheren, sozusagen enzymatischer „Anti Antibiotikum Waffen" — solche gibt es nicht nur gegen Penicillin, sondern gegen fast alle gängigen Bakterienhemmstoffe —, sind Krankheitserreger auch gegen höchste Dosierungen des fraglichen Antibiotikums gefeit. Und genau dies, so hat sich jetzt gezeigt, ist bei den neuen, penicillinresistenten Gonorrhöerregern nun erstmals der Fall. N Antibiotikaresistenz bereitet den Medizinern freilich nicht erst jetzt, im Zusammenhang mit Gonokokken, sondern schon seit Jahren auch bei vielen anderen Krankheitserregern zunehmend Sorgen. Erstmals 1955 von japanischen Wissenschaftlern beobachtet und zunächst völlig rätselhaft und geheimnisvoll, ist es inzwischen gelungen, die molekularbiologischen Grundprinzipien der Resistenzbildung aufzuklären, die alle Merkmale einer Art mikrobieller Gegenstrategie als Anwort auf allzu unkritischen, allzu ungezielten Antibiotikabeschuß durch übereifrige Therapeuten trägt: Resistenz, so hat sich gezeigt, kann in Form von kleinen Stücken Desoxyribonucleinsäure (DNS), genannt R Faktoren, von Mikroorganismus zu Mikroorganismus weitergegeben werden. R Faktoren tragen die Erbinformation zur Synthese von antibiotikazerstörenden Enzymen, sie existieren unabhängig vom übrigen genetischen Material in den Chromosomen der Zellen und sind, das ist der entscheidende Punkt, bei direktem Kontakt auch zwischen Zellen verschiedener Bakterienarten transferierbar. R Faktoren dienen also gewissermaßen dem anti antibiotischen Erfahrungsaustausch, der Weitergabe geheimer Konstruktionspläne genetischer Abwehrwaffen, einer Art interspezifischer Nothilfe im Reich der Mikroben > Im Rahmen einer solchen Nothilfe, so vermutet Falkow, sind Gonorrhöerreger jetzt erstmals in den Besitz eines Penicillinase Gens gekommen, das erst vor wenigen Jahren in einer anderen Bakterienart, Haemophllas influenzae, aufgetaucht ist. Dieser Erreger, seither penicillinresistent, verursacht Hirnhatitentzündung bei Säuglingen und Kleinkindern und muß neuerdings mit, Ghloramphenicol als „Mittel der Wahl" bekämpft werden, obgleich bekannt ist, daß dieses Antibiotikum zu Knochenmarkzerstörungen führen kann. Haemophilus Bakterien sind indes nicht selten als „harmlose" Bewohner des oberen Respirationstrakts auch erwachsener Menschen zu finden, und es gibt Vermutungen, wonach orale Sexpraktiken letztlich dafür, verantwortlich, sind, daß es zwischen Gonokokken und Haemophilus schließlich zum verhängnisvollen Resistenztransfer in Sachen Penicillin kommen konnte.
Penicillinresistente Gonokokken sind gewiß Grund zur Beunruhigung, aber noch kein Grund zur Panik Ändere Antibiotika können Penicillin ersetzen und werden zumindest für einige Zeit die neuen Erreger in Schach halten — so lange, bis auch gegen sie entsprechende R Faktoren auftreten. Indes, sehr beruhigend ist diese Sachlage dennoch nicht. Denn wieder scheint es nur eine Frage der Zeit, wann die Erreger gegen das nächste und übernächste Antibiotikum resistent geworden sind, wann künftig einmal superresistente Gonokokken, ausgestattet mit R Faktoren gegen alle möglichen Hemmstoffe, die bisher übliche Antibiotika Therapie ad absurdum geführt haben werden.
Befürchtungen dieser Art haben dazu geführt, daß man jetzt, da die Penicillin Ära im Kampf gegen die Gonorrhö zu Ende zu gehen scheint, nach neuen, auf lange Sicht aussichtsreicheren Methoden sucht. Wissenschaftler und Pharmaproduzenten geben dabei zwei Überlegungen einige Erfolgschancen, die freilich beide derzeit noch rein spekulativen Charakters sind.
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
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