Ein Hauch von Madame Anjou ist geblieben

Viermal in den letzten drei Jahren unterlagen deutsche Fußball Spitzenmannschaften aus der Bundesrepublik im Kiewer Zentralstadion: Eintracht Frankfurt zuerst, dann der FC Bayern (gleich zweimal) und schließlich Borussia Mörichengladbach. Die deutschen Fußball Niederlagen in Kiew haben ein längst vergessenes, bitteres Vorspiel. Vor 35 Jahren verlor, noch auf der alten Dynamo Anlage, eine regionale Auswahl der „Luftwaffe" mit 2:4. Dabei hatten die deutschen Besatzer Dynamo Kiew vor dem Spiel gewarnt: ein Sieg der Kiewer könnte die Bevölkerung aufputschen. Nach dem „verbotenen" Triumph wurden vier Spieler verhaftet und kurz darauf erschossen. Den unauffälligen Gedenkstein am Rande des alten Dynamo Platzes bekommen Schlachtenbummler auf dem Weg ins Zentralstadion nicht zu Gesicht , Kriegsdenkmäler, auch Monumente des sozialistischen Realismus sind in Kiew, der „Mutter der russischen Städte", den Menschen nicht über den Kopf gewachsen. Lenin, aus rotem: Granit, wirkt wie ein Zwerg neben Wladimir dem Täufer. Die Schwarze Bronzestatue des Kiewer Fürsten, der den altrussischen Staat in die „christliche Familie der Könige" des Mittelalters führte, wacht mit erhobenem Kreuz über dem Dnjepr. Zu seinen Füßen liegt die Truchanow Insel, die mit ihren unverschmutzten Sandstränden im Sommer täglich Zehntausende aus der Zwei Millionen Metropole der Ukraine anlockt „Die Terrassen des herrlichsten Ortes der Welt", hat der Schriftsteller Michail Bulgakow den Wladimir Hügel genannt.

& Niemand hat Kiew so mitreißend; so phantasievoll und so detailliert geschildert wie Michail Bulgakow in „Die weiße Garde" —, dem Roman über die Bürgerkriegswirren von 1918. Heute erinnert nicht einmal eine Gedenktafel an den großen Chronisten der Stadt. Der 1940 verstorbene Michail Bulgakow wurde wegen seiner satirischen Zeitstücke in der Stalin Ära isoliert. Dabei hat ihn der Sowjetdiktator nie direkt verdammen lassen. Sechzehnmal sah sich Stalin „Die Tage der Türbins" an, die berühmte Moskauer Bühnenfassung der „Weißen Garde". In Kiew ist Bulgakow offiziell noch immer Unperson, in Moskau macht er in diesem Frühjahr Furore. Seine in der Sowjetunion erst 1966 unvollständig veröffentlichte Satire auf das Moskau der Stalinzeit, „Der Meister und Margarita", wird seit April vom Tanganka Theater gespielt. In Kiew fragte ich einige Intourist Damen, die Stadtführungen Vermittelten, nach dem Hause Bulgakows. Sie kannten es nicht.

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Uraltes Kopfsteinpflaster fällt steil zum Dnjepr ab: der Andreas Hang. Er war Kiews Lebensader, schon bevor die Mongolen am 6. Dezember 1240 die Fürstenpaläste auf dem Hochplateau einäscherten. Heute bröckelt der Hang in trister Romantik. Die Fassaden der alten Häuser sind grau geblättert, die Scheiben blind, die Regenrinnen rosten. Wer die zerbeulte Telephonzelle benutzt, spricht über die ganze Straße, so still ist es i Altes Kiew" heißt der Sanierungsplan für dieses Viertel.

„Die Turbinsche Wohnung lag zur Straße in der ersten Etage und zu dem kleinen, zum Haus her abfallenden gemütlichen Hof im Erdgeschoß", beschrieb Bulgakow die Wohnung der jungen Weißgardisten (und sein eigenes Elternhaus) „In der unteren Etage glomm das gelbliche Licht beim Ingenieur, Feigling, Bourgeois und Scheusal Wasselij Iwanowitsch Lissowitsch auf "

Der, Hof am Andreas Hang hat sich nicht verändert. Das Haus Nr. 13 ist altersschwach geworden, aber mit Fernsehantennen aufgetakelt. Klaviermusik bricht ab, als ich klopfe. Eine junge Frau in Jeans führt mich zum Krankenbett einer alten Dame „Über Mischa wollen Sie hören? Ja, fragen Sie nur zehn Jahre haben wir mit den Bulgakows unter einem Dach gewohnt in sieben Zimmern lebten sie . Mischa hatte ja sechs Geschwister . Zum letztenmal habe ich ihn 1919 getroffen . Aber nehmen Sie das Fotoalbum aus der braunen Mappe . Sehen Sie da: Bulgakow mit Monokel und Fliege, so hat er sich später in Moskau photographieren lassen — gerade, weil diese Mode unter Stalin verpönt war. Mischa ist immer ein Internationalist gewesen", sagt die alte Dame in feinsinniger Umkehrung. Außer irtf lebe nun wohl niemand mehr, der Bulgakow noch aus seiner Kiewer Jugend wirklich kenne. Die alte Dame ist Ina Wasseljewna, die Tochter des Ingenieurs, Bourgeois und Hauswartes Wasselij Lissowitsch, dem Bulgakow in der „Weißen Garde" ein so bitter ironisches Denkmal gesetzt hat. „Das Geschäft der Madame Anjou, Pariser Chic, befand sich direkt im Zentrum der Stadt im Parterre eines mächtigen mehrstöckigen Hauses . Niemand wußte, wo Madame Anjou geblieben war und warum ihre Geschäftsräume nun handelsfremden Zwecken dienten. Auf das linke Fenster war ein bunter Dämenhut gemalt, darüber stand in goldener Schrift chic parisieEne, und im rechten Fenster hing ein riesiges Plakat aus gelbem Karton mit zwei gekreuzten Sewastopoler Kanonen . Darunter stand: Hier werden Meldungen für den freiwilligen Dienst in der Mörserdivision des Oberkommandierenden entgegengenommen "

Heute hängt im linken Fenster des Geschäfts, das Bulgakow so eingehend beschrieb, ein rotes Plakat über den 25. Parteitag. Im rechten Fenster stehen Käse- und Milchprodukte. Aber ein Hauch von Madame Anjou ist in Kiew geblieben. Wer aus Moskau kommt, versteht, warum die Kiewer ihre größte Verkehrsader, den Kreschtschatik, „unsere Champs Elysees" nennen. Unter den jetzt blühenden Kastanien stehen Parkbänke, auf denen die Jüngeren flirten und die Älteren ihre Lottoscheine ausfüllen. Der Kreschtschatik ist der Korso der Ukrainer — so wie Egon Erwin Kisch den Prager Graben einst den „Corso der Deutschen" nannte. Man bummelt, man flaniert, man spricht einander an. Man hetzt nicht verdrossen und erschöpft durch die Straßen wie etwa die Moskauer, die aus ihren entferftten Schlafstätten für zwölf bis vierzehnStunden ins Zentrum kommen: zur Arbeit und auf der Suche nach Gelegenheitskäufen, Reparaturwerkstätten und sonstigen weitverstreuten Chancen , Der Kreschtschatik wurde im Krieg von den Deutschen zerstört. Aber die Zuckerbäckerbauten der Stalin Ära („Unsere Vorposten" nennt sie ein Kiewer Professor spöttisch) wirken nicht so bombastisch wie in Moskau, Nischen und Balkons, von Grün überrankt, geben dieser Architektur einen südlichen Anstrich. Nachts schminkt rote Bestrahlung die gähnende Leere der monströsen Torbögen. Unmittelbar nach Dynamos Sieg über Mönchengladbach, als ein großer Teil der 100 000 Zuschauer auf den Kreschtschatik strömte, hörte ich aus einem großen Geschäft Pfiffe und Gejohle. Es gab Alkohol zu kaufen. Vor dem Tresen wogte eine lange Schlange durstiger hochgestimmter Fußballfans. Daneben stand ein vierschrötiger Milizionär, der hin und wieder einen schon angeheiterten Rabauken aus der Schlange zog und wegschubste. Die Menge reagierte jedesmal mit neuem Gegröhle und Gedränge, der Milizionär aber plauschte schön wieder verschmitzt mit den Umstehenden — bis zur nächsten Amtshandlung. Das bärbeißige Einschreiten dieses Ordnungshüters hatte einen parodistischen Zug. Schwejk blickte ihm über die Schulter. Der Autor des Schwejk, Jaroslaw Hasek, wohnte gleich parallel zum Kreschtschatik, im Theaterhotel auf der Wladimirskaja, zwischen 1916 und 1918. Eine weiße Tafel an der frischen grünen Fassade des Hotels erinnert daran.

Auch für Kiew gilt, was für fast alle ukrainischen Stadtverwaltungen, Parteiorganisationen, Industrieunternehmen die Regel ist: Die neun Millionen Russen, die in der ukrainischen Sowjetrepublik mit den 35 Millionen Ukrainern zusammenleben, sind auf den führenden. Positionen überrepräsentiert. Dennoch zeigen die Ukrainer in der zweisprachigen Stadt keinerlei demonstrative Abneigung gegen das Russische — wie es etwa in den baltischen Republiken den Reisenden immer wieder auffällt „Woher können Sie unsere Sprache?" haben midi ukrainische Studenten Kellner und Taxifahrer gefragt, wenn ich ihnen russisch antwortete. Die beiden slawischen Kulturkreise, die ihren gemeinsamen Ursprung in der „Mutter der russischen Städte" haben, sind zu verwandt, als daß sich dem russischen Einfluß eine Sprachbarriere entgegenstellen könnte, wie etwa in Georgien.

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