Ganz schön Kohlen für die Kohle
Im neuen, teuren, mit vierhundert Zuschauern überfüllten Bergkamener Ratstrakt stände drei 23jährige Studenten, Wolfgang Witt, Lothar Knapper und Ulrich Klemm, vor dem Tribunal.
Sie hatten der Essener Steinkohle EiektrizitätsAG (Steag) 2 5 Millionen für sich selber und für die Stadt abgetrotzt und waren tollkühnerweise auf der Ratssitzung erschienen, auf der Stadtdirektor Brüggemann wegen seiner Ve_rmittlung und Unterschrift unter den 2 5 MUHonen Vertrag getadelt werden sollte. Das kam der SPD Fraktion und den von Betriebsräten mobilisierten Kumpels gerade recht. Paradoxerweise wurde am Ende Vertragsstifter Brügge- mann von den 30 SPD Ratsmitgliedem (gegen 13 von der CDU und zwei von der FDP) entlastet, aber die Verträge sollten zum Vorteil der Allgemeinheit" geändert werden.
Der Reihe nach ernannten die SPD Sprecher die drei Studenten zu Schuldigen, „Leuten, die auf Kosten der Allgemeinheit studieren und 3000 Arbeitsplätze aufs Spiel setzen". SPD Fraktionsvorstandsmitglied Werner Knapper zeigte mit dem Finger auf Witt und seinen Namensvetter Knapper rief: „Da stehen sie!"
Sie standen am Pranger, beschossen von Witzenden Kameras, beschimpft von der wütenden Menge. Sie ließen jedoch den Tumult so ruhig, so cool über sich ergehen, wie sie wohl auch mit den Vorstandsmitgliedern der Steag über Millioflesbeträge verhandelt haben > Sind sie „Schuldige" ? Bergkamen, 48 500 Einwohner, ist ein geographisch völlig ; zerfranstes Gebilde von sechs Ortsteilen, die verbunden sind durch riesige schwarze Schutthalden, Zechen, durch Rauch- und Schwefel wölken und drei verschiedene Fernsprech Vorwählnummern. Es gibt eine ungewöhnlich häßliche Betön „Oity <, in der sich vorwiegend Gastarbeiter bewegen, das schnieke, neue, teure, siebenstöckige Rathaus nebst Ratstrakt und am Datteln Hamm Kanal und am Beversee einen wahrhaft romantischen Mischwald, „für den andere Städte Millionen bezahlen würden (CDU Fraktionschef Herbert König).
Von diesen Wäldern soll der größere Teil im Herbst dem neuen Kraftwerk und neuen Halden weichen. Landschaftlich zerfranst und politischwirtschaftlich verfilzt: Von den 30 SPD Abgeordneten ist die Hälfte direkt mit dem Bergbau verbunden. Von den 47 Beamten in der Verwaltung gehört nur einer zur CDU.
Die Stadt litt zunehmend unter der Monostruktur und der Ungewissen Zukunft der Kohle, von der sechzig Prozent der Erwerbstätigen direkt und noch mehr als Zulieferer abhängig sind. Da entdeckte der Stadtdirektor 1972 eines Tages das Kohle Ei des Kolumbus. Ein Kraftwerk sollte Absatz für die Kohle, zusätzliche Mengen Gewerbesteuern und Wirtschaftsaufschwung für die Stadt bringen. Er nahm Kontakt auf mit der Steag, die zu jener Zeit gegen die Bürger des niederrheinischen Voerde um ein Kohlekraftwerk gekämpft und vor Gericht verloren hatte. Die Steag beschied Brüggemann positiv, die Vorbereitungen begannen. Es begab sich, daß. die Ruhrkohle AG, Mutter der Steag, die Stilllegung der Kamener Monopolzeche ankündigte, auf die Proteste der dreitausend betroffenen Kumpels hin jedoch mitteilte, daß die. Anlage wieder geöffnet werden könnte, wenn in nächster Nähe ein Kohlekraftwerk den Absatz- garantierte.
Am 1. Mai 1973 demonstrierten, von SPDFraktions- und MonopoI Betriebsratsmitglifd Erhard Dresemann organisiert, die Kumpels mit Transparenten: „Bergkamen braucht ein Kohlekraftwerk.
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
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