Geschätzt und gescholten

Bundesbankpräsident Karl Klasen verabschiedet sich Ende Mai von seinem Amt / Von Rudolf Herit

Es war ein Abend im April. Bundesbankpräsident Karl Klasen hatte die Mitglieder des Zentralbankrats, die er als Primus inter pares noch bis zum Ende seiner Amtszeit führen muß, mit ihren Ehepartnern zu einem Essen ins Schloßhotel Kronberg geladen. Es war eine Abschiedsparty; denn Karl Klasen macht Ende Mai seinem Nachfolger Otmar Emminger Platz. Karl Klasen sprach über die letzten siebeneinhalb Jahre. Dabei fiel den Teilnehmern auf, daß der sonst mit, sich selbst im Einklang lebende Klasen einen unverhältnismäßig langen Abschnitt seiner Rede denVorgängen des Jahres 1972 widmete, die zum Zerwürfnis mit dem damaligen Finanz- und Wirtschaftsminister und Freund Karl Schiller führten. Das Auditorium spürte, wie sehr dem Bundesbankpräsidenten daran lag, seine Rolle bei den Ereignissen klarzustellen, die dem Rücktritt Schillers vorangingen. Kein Zweifel, Karl Klasen wollte vermeiden, daß sich das Fehlurteil festsetzt, er habe Schiller auf dem Gewissen, i Das hat er in der Tat nicht, wie frühere Mitarbeiter Schillers und Schiller selbst unumwunden bestätigen. Klasen und Schiller haben sich inzwischen längst ausgesöhnt; und obwohl beide auch heute noch ihren damals bezogenen Standpunkt für richtig halten, gibt es heute keinerlei Trübung des persönlichen Verhältnisses mehr. Damals aber trieben die beiden Männer wie in der griechischen Tragödie unausweichlich dem Konflikt entgegen. Der Anlaß waren DollarZuflüsse — in den Tagen vom 22 bis 29. Juni sten drohten. Der Pragmatiker Klasen empfahl, mit bürokratischen Eingriffen, mit der Genehmigungspflicht für Auslandsgeld, der Sturmflut Herr zu werden. Grundsatzdenker Schiller hingegen wollte in Brüssel einen neuen Versuch wagen, die Gemeinschaftspartner zur Aufgabe der festen Wechselkurse zu bewegen und mit einem europäischen Floaten die Dollarflut systemferecht abzuwehren. Als die Frage im Kabinett eraten wurde, ist Klasens Vorschlag mit nur einer — Schillers — Gegenstimme angenommen worden.

Eine alte Freundschaft ist damals zerbrochen. Die beiden Männer waren sich schon 1946 zum erstenmal begegnet. Zwei Jahre später ist Schiller in Hamburg Wirtschaftssenator, Klasen Chef der Hamburger Landeszentralbank. Als Klasen 1952 in den Vorstand der Deutschen Bank ging, trennten sich ihre Wege.

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Erst 1969 hatten sie wieder miteinander zu tun. Schiller, inzwischen Bundeswirtschaftsminister, bot Klasen, inzwischen einer der beiden Vorstandssprecher bei der Deutschen Bank, das Amt des Bundesbankpräsidenten an, als sich das Ende der Amtszeit Karl Blessings abzeichnete.

Der Nachfolger sollte nicht aus Bonn kommen, weder aus den Ministerien noch aus dem Bundestag. Schiller suchte einen Mann mit der Autorität eines langgedienten Bankpraktikers, der auch für Sozialdemokraten akzeptabel war. Klasen, seit 1931 Mitglied der SPD und erfolgreicher Bankier, war dieser Mann.

Doch er war nicht leicht zu haben. Als Vorstandsmitglied der Deutschen Bank hatte er sich inzwischen an ein Einkommen gewöhnt, an das das Gehalt eines Bundesbankpräsidenten auch nicht annähernd herankam. Schiller war aber damit einverstanden, daß das Salär des Präsidenten der Deutschen Bundesbank auf eine dem Amt angemessenere Höhe gebracht wurde — ein Erfolg Klasens, für den ihm alle künftigen Bundesbankpräsidenten Dank schulden. Für ihn selbs t bedeutete die Übernahme des Amts am 1. Januar 1970 dennoch ein finanzielles Opfer.

Bis zum ersten Konflikt mit dem streitbaren Schiller verging nur ein gutes Jahr. Als der Minister im April 1971 gegen den Rat aller Praktiker zum isolierten Floaten der Mark ansetzte, um mit diesem Mittel die importierte Inflation zu bekämpfen, da stand Karl Klasen als Mann der Ordnung, der aus seiner Bankvergangenheit die Vorliebe für feste Wechselkurse und die Abneigung gegen jede Art von Aufwertung mit ins Amt gebracht hatte, auf der anderen Seite des Grabens. Das spätere Zerwürfnis des Jahres 1972 war nur die konsequente Fortsetzung.

Doch die Ereignisse haben Schiller recht gegeben. Nach seinem Rücktritt waren knapp neun Monate vergangen, da wurde alles Wirklichkeit, wofür sich Schiller bis zum bitteren Ende eingesetzt hatte. Alle Länder der westlichen Welt gaben im März 1973 die festen Wechselkurse auf und gingen zum Floaten über, auch die Bundesrepublik. Klasen hat dann die Entscheidungen der Bundesregierung, in der damals Bundesfinanzminister Helmut Schmidt für Währungspolitik zuständig war, loyal mitgetragen.

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