Freudentränen über die Trauerröhre Hören, Sehen und Schweigen

Ein holländisches Pamphlet über das Fernsehen Von Jürgen Hassel

Ein Fußballquiz zwischen untertitelten Kaplänen" — so stellen sich die Programmmacher der „Schlafpille"- oder „Trauerröhre" das ideale, zuschauergerechte Fernsehprogramm vor. Gemeint ist in diesem Fall das niederländische Fernsehprogramm, beobachtet von Gerrit Komrij. Seine Schlußfolgerung- ist unabweislich, wenn man seiner Aufstellung über die wichtigsten Sendungen des Monats März 1976 folgt: „25 Quizze und Spiele, 42 Gottesdienstsendungen, 33 Sportsendungen, 44 Unterhaltungsprogramme, 66 ausländische Serien und 12 ausländische Fernsehspiele" (die beiden letzteren gewöhnlich untertitelt).

Gerrit Komrij, Jahrgang 1944, lebt in Amsterdam als freier Schriftsteller, Poet, Rezensent, Übersetzer und Nicht Fernsehzuschauer. Das ganze Jahr 1976 hindurch hat er trotzdem täglich, die beiden Kanäle des niederländischen Fernsehens beobachtet und im „NRCHandelsblad" (mäßig liberal, was in Holland heißt: liberaler als DIE ZEIT) kritisiert — vernichtend. Diese Kritiken sind jetzt als Buch erschienen: Gerrit Komrij:" „Hören, Zien en Zwijgen — Vreugdetranen over de treurbuis" (Hören, Sehen und Schweigen — Freudentränen über die Trauerröhre); De Arbeiderspers, Amsterdam, 1977; 214 S , 24 50 Gulden.

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Das Buch wird wohl nicht ins Deutsche übersetzt werden, obwohl es die witzigste, kritischste und außerdem literarisch beste Fernsehkritik ist, die ich je gelesen habe (Verzeihung, Momos!), und obwohl das holländische Fernsehprogramm („mit seinen auf nichts fundierten Zuschauerzahlen, auf nichts fundiert, weil kein Mensch je wirklich wählen kann") von unserem weniger verschieden ist als beispielsweise das in „Network" satirisch überhöhte amerikanische Werberahmenprogramm. Weshalb also darüber schreiben? Erstens aus Trotz! „Der Boden Hollands liegt zu tief", schreibt Gerrit Komrij doppelsinnig. Den dritten Sinn kann man finden, wenn man beobachtet, wie unsere Kritiker und Verleger, wenn sie ihren Blick nach Westen richten, das platte Nachbarländchen, das doch den in Europa wohl interessantesten Verlags- und Literaturbetrieb hat, so beharrlich übersehen. Zweitens, weil es ein gut geschriebenes Buch ist. Schlußsatz des Vorworts: „Jedenfalls sind dies nicht bloß Turnierkämpfe mit dem plumpen, dummen Elefanten, der Fernsehen, heißt, es ist ein Buch geworden, in dem die Kreativität und die Literatur Rache nehmen an der phantasielosen ;. Schlaf pille. RACHE!" Die Absichtist gelungen; es ist ein Triumph der Literatur über das Fernsehen. Und das ist ein weiterer Grundj dieses. Buch unseren Literaten und Kritikern zu <>empfehlen: „Das TVau ist. kurz, aber die Kunst ist;lang!"

Gerrit Komrij ist sich sicher, daß in ein paar Jahren alle genannten Personen vergessen sein werden, das Buch aber dann zur Schullektüre gehört So steht es im angehängten „Vergeßregister", und das ist ein Ding eigener Art. Was man da so findet, würde in Deutschland für ein gutes Dutzend Beleidigüngsprozesse reichen. Ein Beispiel: „Pastor W- Glashouwer. Vorsitzender des Evangelischen Omroep. Gott, Vaterland, Uranien. Während viele artige, verständige Menschen (siehe weiterbei Joost den Draayer) Und bei dem — „Diskjockey" —- wird der Satz vervollständigt: im Irrenhaus sitzen, in einer Zwangsjacke, läuft er frei herum "

Was schreibt nun Gerrit Komrij? Gelegentlich nur, wie er einen ganzen Abend lang versucht, sich wach zu halten, mit warmer Suppe und Joga. Sein Beschluß: Er will sich einen Dreipunkt Sicherheitsgurt am Fernsehsessel anbringen, damit er nicht beim Vornüberfallen mit dem Kopf gegen die Röhre knallt. Dann wieder gibt er den Ablauf eines Quizturniers wieder „War Florence Nightingale nicht die Mutter dieses schwangeren Mädchens aus Peyton Place?" Das kennzeichnet die „Geistes" Haltung von Frager und Befragten. Den Erfinder der Glühlampe kennen sie nicht. Aber wenn man sie fragt, wie der Preis heißt, der immer wieder auf dem „Fernsehfestival" „Grand Gala du Disque" verliehen wird, rufen sie im Chor: „Edison! Edison!" Auf die Fragen, wer den „Hamlet" schrieb oder die „Nachtwache" malte, kommt nur: „Keine Idee „Welche Kunstart übte Chopin aus?" — „Schoppäng?" Stille. Null Punkte.

Die Runde ist mißglückt, und es darf endlich gesungen werden. Auf ein unzusammenhängendes Geschnorchel und Geröchel hin springt der oder die Befragte auf und ruft schreiend vor Freude: „Das ist Joost den Draayer!!!" (Siehe oben ) Haben wir ähnliches nicht auch schon gesehen? Vorgeführt wird ein Fernsehsystem, dessen Programm total dem (scheinbaren) Publikumsgeschmack angepaßt ist.

Das niederländische Fernsehen ist weltanschaulich religiös bestimmt. Da gibt es zum Beispiel VPRO („freichristlich liberal"), AVRO („liberalneutral"), TROS („völkisch rechts"), VARA („gewerkschaftlich indifferent"), NCRV („Zentrum rechts"), KRO („katholisch reaktionär") und EO („christlich hysterisch, äußerst rechts") — die Klassifikationen stammen von einem Amsterdamer Verleger, Die. Programme dieser Gesellschaften, auf zwei Kanäle aufgeteilt, unterscheiden sich nur in Nuancen: Während der EO, der. „Evangelische Omroep", zum Beispiel seinen Zuschauern einen blauen Fötus unter die Augen hält („mit Petersilie, Kümmel und Weinessig"), läßt die VARA, die „Verenigung van Arbeiders Radio Amateurs", zum 1. Mai 1976 „in dem weltweit verständlichen Esperanto des deutschen Schlagers" Heintje das Lied „Wir wollen Freunde sein" singen.

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