"Jederzeit kann wieder passieren...
Fast zwei Jahre lang haben Nuklearexperten, der europäischen Atombehörde Euratom mit der kanadischen Regierung- darüber verhandelt, wie Uranlieferungen aus Kanada nach Europa noch besser gegen Diebstahl und Mißbrauch geschützt werden könnten. Als die Verträge gegen Ende letzten Jahres unterschriftsreif waren, versagten die Regierungen der EG der Brüsseler Kommission aber die Gefolgschaft. Die Kanadier fühlten sich genarrt und reagierten verärgert. Für zunächst ein Jahr stoppten sie alle Uranlieferungen in die Alte Welt. Und der kanadische Außenminister Jamieson bekräftigte am letzten Wochenende auf dem Londoner Gipfel noch einmal: „Die Liefersperre bleibt "
Diese Entscheidung ist den Kanadiern nicht gerade, leichtgefallen. Immerhin bedeutet der Lieferstopp ein Verzicht auf jährliche Einnahmen aus Uranexporten in Höhe von mehr als einer halben Milliarde Mark. Das war denn auch der Grund, weshalb die harte Entscheidung erst erfolgte, nachdem die ursprüngliche Frist für den Abschluß neuer Sicherheitsverträge zweimal — allerdings vergeblich — um jeweils sechs Monate verlängert worden war.
Daß die Kanadier auf dem Nuklearsektor noch härter als die Vereinigten Staaten vorgingen, hat gute Gründe. Die Zündung der ersten indischen Atombombe mit Spaltstoff aus kanadischen Lieferungen hatte Ottawa 1974 derart geschockt, daß seither, die strikte Devise gilt: Saf ety first.
Wie berechtigt die Forderung war, die Sicherheitsmaßnahmen beim Transport und Umgang mit den Kernbrennstoffen neu zu überdenken, bewiesen die Schlagzeilen der letzten Tage über den Frachter „Scheersberg", der Ende 1968 mit einer Ladung von 200 Tonnen Uranoxyd an Bord von Antwerpen aus in See stach, zunächst spurlos verschwand und unter anderem Namen wieder auftauchte, nachdem die brisante Ladung längst gelöscht war. Der Empfänger des Urans konnte bis heute nicht ermittelt werden.
Über Wert und Nutzen der verschwundenen Menge gibt es unterschiedliche Meinungen. Während der für die Energiepolitik zuständige EGKommissar Guido Brunner erklärt, „bei der Partie handelte es sich uni relativ harmloses Material — es war ja nicht aufbereitet", behaupten Reaktorspezialisten, daß es Reaktoren gibt, die durchaus mit natürlichem Uran in Gang gesetzt werden können.
Was aber auch immer Ende 1968 auf dem Seeweg zwischen Antwerpen und dem als Bestimmungshafen benannten Genua passierte, wird möglicherweise "nie ganz aufgeklärt werden können (siehe unten); Weit gravierender ist freilich die fatale Aussicht, daß der Vorfall keineswegs der letzte gewesen sein könnte. Felix Oboussier, Chef der Euratom Vefsorgurigsbehörde, die bei allen Käufen und Verkäufen von Uran eingeschaltet ist, bekennt jedenfalls ganz offen: 1968 passieren konnte, kann theoretisch auch heute passieren, sogar bei der Wiener Agentur mit ihren Kontrollen. Kein Mensch kann verhindern, daß ein Dampfer später woanders hinfäkrt, als ursprünglich gesagt worden ist "
Sogar Kommissar Brunner bekennt, daß eine Überwachung von Ladungen auf hoher See weder damals stattfand, noch heute praktiziert wird: „Das läßt sich ja nicht machen, daß da ein Inspektor mitfährt Das bestätigt auch ein Praktiker. Ein Geschäftsführer der Uranerzbergbau Gesellschaft in Bonn erklärt, daß die zuständigen Atombehörden der Länder sowohl beim Lieferanten als auch beim Empfänger die Einhaltung aller Vorschriften überwachen, aber beim Urantransport reisen keine Kontrolleure mit, die den richtigen Kurs des Schiffes und die Ladung überwachen. Auch der Transport von Natururan aus der Bundesrepublik zur Weiterverarbeitung in Frankreich findet per Bahn und ohne Begleitschutz statt, wie ein Mitglied der Frankfuiter Urangesellschaft bestätigt.
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



